München (KNA) – Der „Spiegel“ hatte viele Väter. Doch an seinem Anfang stand auch eine Frau: Hildegard Neef (1922–2007). Sie war Journalistin und nach dem Krieg Dolmetscherin für britische Besatzungsoffiziere. Im Frühjahr 1946 hatte sie mit Schere und Kleber den ersten Dummy des späteren Magazins gebastelt, im Oktober erschien dann die erste 32-seitige Probenummer in der stolzen Auflage von zwölf Exemplaren.
Ein Jahr später wurde Neef die erste „Spiegel“-Redakteurin und blieb das bis 1951. In der umfänglichen Geschichtsschreibung des Magazins – auch in eigener Sache – spielte sie bisher aber kaum eine Rolle.
Die neue Augstein-Biografie von Martin Doerry und Hauke Janssen rückt jetzt die Frau ins Zentrum dieser Gründungsgeschichte, deren Leistung lange bekannt war – und dennoch weitgehend vergessen wurde.
Archivmäuse der Dokumentation
Gerade rund um den „Spiegel“ konzentrierte man sich lieber auf jene, die später Macht, Einfluss und öffentliche Bekanntheit erlangen. Also die britischen Presseoffiziere John Seymour Chaloner und Harry Bohrer, die die Lizenz für das Heft erteilten – und natürlich Rudolf Augstein. Die Frauen, die von Anfang an mitarbeiteten, wurden kaum wahrgenommen. Augstein selbst sprach später abfällig von „Archivmäusen“ in der Dokumentation.
Doerry und Janssen korrigieren jetzt in „Augstein – Ein deutsches Leben“ dieses Bild. „Der Spiegel hatte viele Väter, aber nur eine Mutter, und das war Hildegard Neef.“ Die damals 23-Jährige war auch nicht erst dabei, als Augstein den Spiegel prägte – sondern schon früher. Und sie war es, die half, das geplante neue Magazin überhaupt in eine konkrete Form zu bringen. Im Archiv des „Spiegel“ liegt das Protokoll eines unveröffentlichten Gesprächs von 2005, in dem die 2007 verstorbene Neef sich erinnert – und in aller Bescheidenheit über ihre Rolle sagt: „Einen Anteil hatte ich in gewisser Weise schon.“
Am 29. März 1946 waren noch in Osnabrück die zwölf Dummy-Exemplare gedruckt worden. Nach weiteren Vorbereitungen erschien dann am 25. Oktober 1946, also vor 80 Jahren, die erste Probenummer von „Diese Woche“, dem Vorläufer des „Spiegel“. Die Titelseite hatte schon den markanten roten Rand, und oben stand in weißer Negativschrift der Name bereits in derselben Typografie wie später „DER SPIEGEL“.
Neubewertung von Neef
Doerry und Janssen haben bei ihren Recherchen auch eine interne Hausmitteilung des ehemaligen Chefredakteurs Hans Detlev Becker von 1965 gefunden, in der er Neef als „journalistische Gründerin“ des Magazins bezeichnet. Das habe zur Neubewertung ihrer Rolle als Mutter des „Spiegel“ geführt, sagt Hauke Janssen im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst.
Frühere Darstellungen erwähnten Neef zwar teilweise, man blieb aber in der Tradition des „Männermagazins“. Leo Brawand, ein langjähriger Mitarbeiter von Augstein, brachte das 1987 in „Die ‚Spiegel‘-Story – wie alles anfing“ auf den Punkt: „Das anvisierte Nachrichtenblatt sollte ein Männermagazin sein; Frauen waren für gehobene Positionen nicht vorgesehen.“
Es sollte noch 30 Jahre dauern, bis der „Spiegel“ 2017 ein Interview mit Neef veröffentlichte, in dem diese ihre damalige Arbeit bei der Konzeption beschrieb. Demnach habe ihr „Major Chaloner eine Zeitschrift gezeigt“ und gesagt, er stelle sich „etwas Ähnliches“ für Deutschland vor. „Wir bastelten daraus also ein Muster: schnitten Artikel aus der Vorlage aus, schrieben einige auch selber, machten einen Umbruch und Zeichnungen. Zusammengeklebt habe ich das dann allein.“
Ein komplizierter Chef
Zu Gast war man damals in der Redaktion der „Osnabrücker Zeitung“, und entgegen Augsteins späterer Darstellung sei das Vorbild nicht das US-Magazin „Time“ gewesen, sondern eine britische Zeitschrift, die aber schon bald ihr Erscheinen eingestellt habe.
Über Augstein sagte Neef: „Er konnte sehr kumpelhaft, aber auch mimosenhaft empfindlich sein.“ Es sei nicht leicht gewesen, „bei ihm zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ton zu treffen. Er war ein begnadeter Schreiber, aber er konnte extrem schwierig sein als Chef“. Dazu kam, dass Augstein sozusagen redaktionsintern seine „Spiegel“-Kollegin Lore Ostermann heiratete. Neef: „Ein Kind kam dazu, die Ehe lief nicht gut, und so etwas wird ja zum Teil auch in den Geschäftsräumen ausgetragen.“
In den 70er Jahren hatte der Herausgeber seine Vorbehalte gegen die Beschäftigung von Frauen in der Redaktion aufgegeben. Von Alice Schwarzer sei er beeindruckt gewesen, so sehr, dass er sie habe einstellen wollen. Doch im Mai 1973 sagte er ihr ab: „Gegenwärtig haben wir zu viele hausgemachte Probleme, so dass wir uns nur sparsam welche importieren können. Dass Sie Probleme aufwerfen würden und wollen, haben Sie ganz klar gemacht. Ich finde das auch richtig und scheue davor gar nicht zurück. Aber wie gesagt, die Redaktion ‚verkraftet‘ Sie im Augenblick noch nicht“, schrieb Augstein an Schwarzer.
Konflikt der Geschlechter
Im Sommer 1975 eskalierte dann – auch ohne Schwarzer – der Konflikt zwischen den „Spiegel“-Frauen und ihren männlichen Vorgesetzten. Anlass war ein Titelstück, wonach moderne Frauen angeblich lieber „feminin als feministisch“ sein wollten. Der Titel zeigte eine nackte junge Frau mit einem Kind und der Zeile „Zurück zur Weiblichkeit“. Die Redakteurinnen Sophie von Behr und Ingrid Kolb seien empört gewesen.
Der Text, so schrieb Behr an Augstein, habe „alle Frauenstandpunkte ratzekahl ausgemerzt“ und besitze die „perfide Tendenz“, die Feministinnen als „ein paar isolierte Spinnerinnen“ abzutun. Behr, die zeitweise ein Verhältnis mit Augstein gehabt haben soll, verlangte als Entschädigung von ihm eine Spende von 1000 Mark für den von ihr gegründeten „Verband alleinerziehender Mütter und Väter“, eine Seite im „Spiegel“ für eine Gegenrede sowie das „Geld für einen in der Länge passenden Rock“, den sie ja nur ihm zuliebe gekauft habe. Augstein habe alle Forderungen erfüllt.
Die Biografie greift das Thema „Augstein und die Frauen“ auf, aber – so Doerry und Janssen – nur dort, wo es auch den politischen Journalisten Augstein betrifft. Privates blieb ausgespart. Doch von Beginn an suchte sich Augstein Frauen immer wieder in seiner Redaktion und im Verlag. Seine Annäherungen waren oft übergriffig. Im Zuge der „#Metoo“-Bewegung thematisierte der „Spiegel“ im Oktober 2018 Augsteins Verhalten und nannte es klar „inakzeptabel“.
Augsteins Übergriffe
Augstein habe eine Kultur im Hause geprägt, was „das Verhältnis von Frauen und Männer“ betreffe, schrieb damals die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer – und die war nicht unbedingt zum Guten. Augsteins Übergriffe führten zu peinlichen Situationen, die aber größtenteils akzeptiert wurden.
Zwei Jahre zuvor war bereits das Buch „Der Herausgeber“ von Augsteins langjähriger Büroleiterin Irma Nelles erschienen. Sie beschrieb darin, welche Zumutung die Zusammenarbeit mit ihm sein konnte. Zum Vorstellungsgespräch im Hotelzimmer kam er im Morgenmantel und wollte vertraglich festlegen, dass sie zweimal wöchentlich mit ihm Sex haben sollte. Nelles lehnte das und weitere Avancen ihrer eigenen Darstellung zufolge ab, blieb aber über Jahrzehnte in ihrem Job.
„Nelles war ein Machtfaktor im Haus“, sagt Janssen heute dem KNA-Mediendienst. Als Büroleiterin vermittelte sie zwischen Herausgeber und Chefredaktion, etwa auch in jenen Fällen, in denen die Redaktion rätselte, was Augstein in den oft vernuschelten Sprachaufnahmen, mit denen er seine Kommentare diktierte, eigentlich gesagt hatte. Da kam es zu absurden Situationen. Augstein war eingeschlafen und nicht ansprechbar; das Heft musste aber in Druck gehen. Für Fehler und Unzulänglichkeiten in seinen Texten machte er gern Nelles verantwortlich und trennte sich im April 2002 von ihr.
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