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Newsroom – Marc Bartl

„Spiegel“-Redakteure streiten über den Umgang mit der AfD

„Spiegel“-Redakteure streiten über den Umgang mit der AfD Ann-Katrin Müller und René Pfister (Foto: Rebecca Rütten / Der Spiegel)

Ann-Katrin Müller und René Pfister vertreten unterschiedliche Positionen zu Einordnung, Interviews und der Frage, wie viel Distanz Journalisten zur Partei wahren sollten.

Berlin – Wie soll Journalismus mit einer Partei umgehen, die ihn selbst zum Feind erklärt? Diese Frage streiten zwei „Spiegel“-Redakteure im neuen Format „Spiegel Mediation“ öffentlich aus: AfD-Reporterin Ann-Katrin Müller und Frankreich-Korrespondent René Pfister, moderiert von Spiegel-Mediatorin Susanne Beyer.

 

Auslöser ist eine Kolumne, in der Pfister kritisiert hatte, Journalisten behandelten die AfD oft wie eine Angeklagte und stärkten damit deren Opfererzählung. Müller hält dem entgegen, ihr sei nicht klar, was Pfister stattdessen fordere. Man könne AfD-Vertretern doch nicht einfach unwidersprochen das Mikrofon hinhalten, wie man es bei keiner anderen Partei täte.

 

Der Streit führt zu einer grundsätzlicheren Frage: Ist die AfD eine Partei wie jede andere, nur mit radikaleren Positionen oder eine andere Kategorie von Gegner? Müller ist überzeugt, die Partei sei „keine populistische Partei, sondern klar rechtsextrem“ und verfolge, anders als bloß populistische Kräfte, das Ziel, das politische System grundlegend zu verändern. Nach sieben Jahren Recherche zur AfD glaubt sie, dass die Partei bei einer Prüfung durch das Verfassungsgericht verboten würde. Pfister hält dagegen: Ein Kölner Verwaltungsgericht habe die Einstufung der Bundes-AfD als „gesichert rechtsextrem“ kürzlich vorläufig kassiert; Journalismus dürfe nicht parteiisch werden, sonst verliere er die Fähigkeit, die Realität unvoreingenommen zu beschreiben.

 

Als warnendes Beispiel führt Pfister die US-Medien an: Aus Sorge, Donald Trump im Wahlkampf 2024 zu nützen, hätten viele lange kaum über Joe Bidens erkennbare Altersschwäche berichtet. Ein Fehler, der das Vertrauen in die Medien nachhaltig beschädigt habe. Müller kontert, der Vertrauensverlust habe schon früher begonnen, weil die extreme Rechte Medien systematisch als „Lügenpresse“ diffamiere.

 

Uneinig sind beide auch beim Begriff des „Einordnens“: Pfister empfindet ihn als bevormundend gegenüber Lesern, die selbst urteilsfähig seien; Müller hält Einordnung für unverzichtbares journalistisches Handwerk angesichts einer Partei, die strategisch Desinformation verbreite. Pfister wünscht sich zugleich mehr Neugier auf die Person hinter dem Amt – etwa, wie AfD-Chefin Alice Weidel, promovierte Volkswirtin mit Karriere bei Goldman Sachs, bei der Partei gelandet sei. Müller verweist dagegen darauf, dass Weidel Journalistinnen wie ZDF-Moderatorin Dunja Hayali gezielt und öffentlichkeitswirksam attackiere. Mit der Folge, dass diese anschließend massiv bedroht werde.

 

Auch bei der Frage nach Wortlautinterviews bleiben die Positionen gegensätzlich: Der „Spiegel“ druckt seit neun Jahren keine Interviews mehr mit AfD-Politikern. Müller verteidigt diese Linie, da etablierte Bühnen die Partei normalisierten und Interviews ohnehin nur zu vorhersehbaren Antworten führten. Pfister hält die Zurückhaltung für einen Fehler und verweist auf frühere „Spiegel“-Gespräche mit umstrittenen Figuren wie dem Rechtsextremisten Franz Schönhuber oder dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad; einziges Kriterium solle Relevanz sein.

 

Kontrovers beurteilen beide auch das „Spiegel“-Cover vom August, das AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ bezeichnet hatte. Müller hatte den Titel intern kritisiert: Superlative seien in ohnehin zugespitzten Zeiten problematisch und spielten der AfD in die Hände, die sich über die „Angst“ der Medien freue. Pfister fand das Cover ebenfalls „zu zugespitzt“, widerspricht aber der – seiner Ansicht nach von links geäußerten – Kritik, man dürfe der AfD grundsätzlich keine Plattform bieten; das sei „unjournalistisch“.

 

Bei aller Uneinigkeit finden beide eine gemeinsame Linie: Man dürfe sich von der Partei nicht provozieren lassen. Müller selbst war bei einer Wahlparty in Sachsen-Anhalt von einem AfD-nahen Streamer bedrängt worden, achtet nach eigenen Worten aber weiterhin auf eine nüchterne Wortwahl in ihrer Berichterstattung.

 

 

 

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