Vermischtes
KNA – Manuel Weis

RTL im Umbruch: Shift 2026 – Wenn Emotionen plötzlich schmerzen

RTL will sich mit „Shift 2026“ neu erfinden und läutet den Abschied vom klassischen TV ein. Der Umbau trifft den Sender ins Mark. Stellenkürzungen, News-Ausdünnung und Streaming-Fokus verändern das bisherige Business radikal.

Köln (KNA) – Fernsehen – und das Privatfernsehen ganz speziell – stand schon immer für ganz große Emotionen. In puncto packendem Storytelling und großer Aufmachung machte lange gerade RTL niemand etwas vor. Der Kölner Privatsender schaffte es in den 90er-Jahren, die Erfolgsgeschichte von Michael Schumacher in der Formel 1 so groß werden zu lassen, dass Millionen zusahen. Wenn Henry Maske an von RTL pompös inszenierten Kampfabenden in den Boxring trat, waren teils an die 20 Millionen Menschen dabei.

 

RTL brachte mit „GZSZ“ die erste tägliche Dosis Gefühl in fiktionaler Form in die Wohnzimmer, ließ viele am Samstagabend bei der „Traumhochzeit“ mitfiebern und dahinschmelzen und transportierte Nachrichten in „RTL Aktuell“ anders, als es die Menschen von öffentlich-rechtlichen Pendants gewohnt waren.

 

Emotionen waren für den Privatsender immer schon ein wichtiges Gut. Auch in der vergangenen Woche war es emotional – diesmal aber direkt in der Senderzentrale in Köln-Deutz und auch anders, als man es gewohnt ist. „Diese Woche war die traurigste, die wir in über 20 Jahren bei RTL erlebt haben“, schrieb etwa Journalistin Elena Bruhn. Von einer Nachricht, „die mich nicht loslässt“, berichtet RTL-Morgenmoderator Jan Malte Andresen.

 

Zu „Shit 2026“ verballhornt

Gemeint ist damit das Programm „Shift 2026“, das die Sendergruppe Mitte zurückliegender Woche in den eigenen Reihen präsentierte. Hinter vorgehaltener Hand hat es von manchem Mitarbeiter schon die wenig liebevolle Bezeichnung „Shit 2026“ erhalten. Teil dieser umfassenden Neuaufstellung von RTL Deutschland ist der – nach eigenen Aussagen möglichst sozialverträgliche – Abbau von gleich rund 600 Stellen.

 

Besonders hart getroffen hat es RTL News, also jene Unit, die hinter den für den Sender eigentlich so wichtigen Nachrichten- und Magazin-Formaten steckt. Die morgendlichen „Punkt“-Sendungen enden in wenigen Wochen, dann zeigen RTL und Nachrichtensender ntv zwischen sechs und neun Uhr nur noch ein gemeinschaftliches Programm. Magazine wie „Prominent“ oder „Gala“ wurden kurzfristig gestrichen – deren letzte Ausgaben liefen bereits.

 

Mit „Shift 2026“, das bestätigt auch CEO Stephan Schmitter, dessen Ansehen innerhalb der eigenen Reihen in diesen Wochen natürlich nicht das Beste ist, soll RTL stärker zum Streamer transformiert werden. Streaming ist aus Sicht vieler Medienschaffender die Zukunft. Am Tag vor der Präsentation von „Shift 2026“ ließ RTL vermelden, nun sieben Millionen zahlende Kunden von RTL+ zu haben – und mit dem Streamingdienst in diesem Jahr die Gewinnschwelle erreichen zu wollen. Das ist angesichts des eingetrübten Werbemarkts und somit rückläufiger Einnahmen bei ohnehin sinkenden TV-Reichweiten im Linearen auch alternativlos. RTL will Stück für Stück unabhängiger vom Werbemarkt werden und stattdessen Bezahlfernsehen machen.

 

Fusion mit Sky steht bevor

Ein Teil dieser Strategie umfasst auch die vereinbarte Übernahme von Sky Deutschland, zurzeit noch in Händen des US-Riesen Comcast. Für 150 Millionen Euro fix (und eventuell weitere Millionen je nach Entwicklung der RTL-Group-Aktie) könnte das deutsche Pay-TV-Unternehmen in den kommenden Wochen den Gesellschafter wechseln, sofern die EU-Kommission den Deal genehmigt. Diese soll, wie zu hören ist, vor allem auf die Werbevermarktung schauen, wo ein fusioniertes RTL/Sky Deutschland große Marktmacht hätte. Wie ein zusammengeführtes RTL/Sky dann aussehen würde, ist noch nicht klar umrissen. Da hier aber vor allem von Synergien die Rede ist, könnte die Zahl der Vollzeitstellen nochmals sinken.

 

„Es tut weh zu sehen, wie viel Erfahrung, Leidenschaft und journalistische Arbeit gerade verloren geht“, schrieb Moderator Jan Malte Andresen auf seinem Instagram-Account über die Veränderungen bei RTL News. Sie sind aber die logische Folge einer konsequenten Fokussierung auf das Streamingangebot. Die wenigen Zahlen, die von Streamern offiziell vorliegen, ergeben – egal bei welcher Plattform – ein einheitliches Bild. Beim dort meist vergleichsweise jungen Publikum punkten vor allem Reality- und Flirtshows, hochvolumige Fiction-Stoffe, also Soaps, und Castingformate. Aber keine Nachrichten.

 

Journalistisch geht etwas verloren

Was im Stream auch weniger gut funktioniert, sind TV-Magazine. Wenig verwunderlich also, dass sich RTL ein eigenständiges Frühprogramm, das zuletzt grob über den Daumen gepeilt 200.000 Zuschauer hatte, nun spart. Eine Entwicklung, die gesellschaftspolitisch durchaus gefährlich ist, wie Jan Malte Andresen analysiert: „Klassische Medien geraten zunehmend unter Druck, während globale Plattformen immer mehr Raum einnehmen – oft ohne die Verantwortung, die guter Journalismus braucht.“

In der Tat: Klassischer Public-Value-Content für Deutschland, also politische Formate oder gesellschaftskritische Reportagen, sind auf den wachsenden Streamern wie Netflix, Disney+ oder Prime Video kaum bis nicht zu finden. Gleichzeitig sind Social-Media-Plattformen wie Facebook zu Orten geworden, an denen sich Hass und Hetze unkontrolliert – weil oftmals unmoderiert – verbreiten können, übrigens unterstützt von einer wachsenden Zahl an Werbespendings.


Dass klassische Fernsehanbieter aus Deutschland, dazu zählen letztlich auch ARD und ZDF, mittlerweile unter anderem inflationsbedingt mit weniger Geld auskommen müssen als früher, ist vordergründig ein Problem der Branche. Auf den zweiten Blick wird es jedoch schnell auch ein gesellschaftliches, denn das Publikum weicht gegebenenfalls aus – im Zweifel auch auf Plattformen, die ohne journalistische Standards oder ohne die Verantwortung arbeiten, die guter Journalismus eben braucht.

 

 

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