Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Journalistische Formate prägen den Grimme-Preis 2026

Beim 62. Grimme-Preis in Marl wurden vor allem Produktionen aus Informations- und Kulturformaten ausgezeichnet – darunter mehrere ZDF-Dokumentationen sowie die besondere journalistische Leistung von Golineh Atai.

Marl (KNA) – Es war schon mal mehr Lametta auf dem roten Teppich von Marl. Die 62. Verleihung des Grimme-Preises sah eher nach Arbeit als nach Glamour aus. Und das ist auch gut so. Denn Grimme ist Arbeit, und der Versuch, einmal im Jahr die deutsche Fernseh-, Mediatheks- und Streaminglandschaft zu vermessen, bleibt notwendigerweise Work in Progress.

 

Alle Preisträger, Zahlen, Daten und Fakten sind zudem vorab bekannt. Das nimmt dem Grimme-Preis die automatische Dramaturgie und Spannung, von der andere Auszeichnungen profitieren, bei denen das Kaninchen erst auf der Bühne aus dem Hut gezaubert wird. Natürlich, bei 71 nominierten Beiträgen würde es mit Blick aufs dahinterstehende Gesamtpersonal schon rein mengen- und kapazitätsmäßig aus dem Ruder laufen.

 

Warum allerdings das Institut am Rande des Reviers nicht wenigstens bei ein, zwei Auszeichnungen diesen natürlichen Spannungsbogen einbaut, darf man dennoch getrost fragen. Einzelkategorien wie die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV), der als Preisstifter hinter Grimme steht, oder die Besondere journalistische Leistung in der Kategorie Information & Kultur böten sich hier an.

 

Engagement für Parkinson-Kranke

Nun war in Marl Bescheidenheit schon immer eine Zier, wozu auch die unverkrampfte Moderation von Linda Zervakis und erst recht der unprätentiöse Auftritt des Mannes passte, der von Anfang an der Star des Abends war: Frank Elstner machte nicht viel Aufhebens um sich und seine Leistung. Er nutzte den Auftritt vielmehr auch hier für das Engagement für Menschen, die, wie er selbst, von Parkinson betroffen sind. „Ich weiß, dass den 450.000 Kranken in Deutschland mit dieser Krankheit geholfen werden kann, wenn die Forschung mehr Geld kriegt“, rief Elstner – und fasste sich sonst kurz – auf Bitten seiner Töchter, wie er mit der ihm so eigenen feinen Ironie sagte.

 

Im in diesem Jahr erstmals nicht mehr gedruckten, sondern nur noch online erscheinenden Heft zum Preis lässt sich nachlesen, was Elstner heute über das Fernsehen – auch über das von früher – denkt. „Wir haben früher zu oft gesagt: ‚Früher war alles besser‘. Es war nicht besser früher!“

 

Der Hund unterm Sofa

Das Faszinosum, das Elstner bis heute ausstrahlt, fasste in ihrer Laudatio eine immer noch sichtlich begeisterte Annegret Kramp-Karrenbauer – die CDU-Politikerin ist Präsidentin des DVV – ganz persönlich so zusammen: Als Elstner die ARD-Sendung „Spiele ohne Grenzen“ moderiert habe, sei sie nach Meinung ihrer Eltern eigentlich noch zu klein gewesen, um bis zum bitteren Ende mitzufiebern. Sie tat es trotzdem, schlich sich aus dem Kinder- wieder ins Wohnzimmer unter die Couch und hoffte, dass der dort schon liegende Familienhund sie nicht verpetzte.

 

„Frank Elstner ist nicht nur ein kreativer Pionier großer Unterhaltungsshows, sondern auch ein einfühlsamer Gesprächspartner, der mit seinen Formaten den Menschen in den Mittelpunkt stellt und das Fernsehen als Ort des Austauschs, der Bildung und gesellschaftlichen Verantwortung befördert hat“, lobte Kramp-Karrenbauer das „Idol ihrer Kindheit“. Geehrt werde hier „nicht nur ein überragender TV-Macher, sondern ein Botschafter für gesellschaftliche Anliegen“, würdigte sie Elstners Engagement in Sachen Parkinson: „Er hat dieses Stigma beseitigt.“

 

Das Festpublikum im Theater Marl dankte es Elstner mit minutenlangen stehenden Ovationen, die den 84-Jährigen sichtlich gerührt zurückließen. Fast ebenso großen Beifall gab es auch für Golineh Atai, die in diesem Jahr für die Besondere journalistische Leistung ausgezeichnet wurde und auf der Bühne auch einen Einblick zuließ, wie sehr sie der erneute Krieg im Iran persönlich und nicht nur journalistisch umtreibt. „Ich habe Angst“, sagte Atai, die Verwandte im Land hat. Und die doch in ihrer Arbeit für das ZDF stets die Distanz wahrt – gerade, weil es ihr so nah geht.

 

Strahlender Sieger ZDF

Das ZDF war in diesem Jahr aber nicht nur wegen Frank Elstner mit den Erinnerungen an „Wetten, dass …?“ oder Golineh Atai Grimme-Gewinner Nummer 1. Gleich elf Preise räumten die Mainzer ab, in der Kategorie Fiktion für „Die Affäre Cum-Ex“, „Tschappel“ und „Unterwegs im Namen der Kaiserin“. In der Kategorie Information & Kultur wurden neben Atai die Dokumentarfilme „Das leere Grab“ und „Sudan: Ein Krankenhaus im Schatten des Krieges“ ausgezeichnet. Dazu kamen noch zwei der drei Unterhaltungspreise für „Maithink X – Die Show“ und „Sympathisch – die Show“.

 

Weshalb sich auch ZDF-Intendant Norbert Himmler nicht die Show stehlen lassen wollte und persönlich zur Preisverleihung erschienen war. Ansonsten schwänzte die oberste Garnitur des deutschen Fernsehens auch in diesem Jahr das TV-Hochamt in Marl. Aus der ARD hielt immerhin der WDR als NRW-Gewächs dem NRW-Institut mit seiner Intendantin Katrin Vernau die Treue.

 

Weil das bevölkerungsreichste Bundesland auch den Großteil des Grimme-Haushalts stemmt, gehört auch Nathanael Liminski (CDU) seit Jahren zu den Preiskonstanten. Der NRW-Medienminister setzte 2026 wie so mancher vom Sparzwang gebeutelte Sender auf Wiederholung: „Die tägliche Informationsflut und Bilderflut in den sozialen Medien und klassischen Medien macht es immer schwerer, den Überblick zu behalten. Wenn dann auch noch gesteuerte Desinformation und KI-generierte Inhalte dazukommen, verschwimmen die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion“, lieferte der Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei bekannte, aber wichtige Sätze.

 

Bekenntnis zur Qualität

„Ein Problemlöser ist und bleibt unabhängiger Qualitätsjournalismus“, denn der könne komplexe Inhalte verständlich vermitteln und Menschen für faktenbasiertes Wissen gewinnen. Dass der Grimme-Preis solche „herausragenden Leistungen sichtbar macht“, wie Liminski formulierte, ist in der Tat so wahr wie unverzichtbar.

 

Auch Grimme-Direktorin Cigdem Uzunoglu meldete sich zu Wort und lobte vor allem die „Macherinnen und Macher“. Sie kündigte zudem eine Veranstaltung im Juni an, auf der sich das Institut im Nachgang der Diskussionen um die Unabhängigkeit von Jurys mit dem Spannungsfeld zwischen Journalismus und Aktivismus auseinandersetzen will.

 

Denn auch bei dieser Preisverleihung schien der Konflikt des vergangenen Jahres wieder kurz auf: „Ich bin in einem Land geboren, wo man keine Pressefreiheit hat, wo es sehr viele Eingriffe in kulturelle Entscheidungen gibt“, sagte die aus dem Iran stammende Melika Foroutan, die im „Cold Cases“-„Tatort“ aus Frankfurt die Kommissarin Maryam Azadi spielt. „Ich habe heute mehrmals gehört, wie wichtig Vertrauen in Medien und Institutionen ist, und ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass Eingriffe in Jury-Entscheidungen diese Freiheiten begrenzen“, sagte Foroutan mit Blick auf die Diskussionen um die Aberkennung einer Besonderen Ehrung beim vom Förderverein des Grimme-Instituts verliehenen „Donnepp Media Award“ und Kontroversen bei der Verleihung des Grimme-Online-Awards (GOA).

 

Auch Namen sind politisch

In deren Folge waren 2025 Auszeichnungen zurückgegeben worden, außerdem hatten die Preisträger Moritz Riesewieck und Hans Block ihren GOA bei der Preisverleihung stehen lassen und eine „reflektierte Aufarbeitung“ gefordert. Foroutan und ihr Kommissar-Kollege Edin Hasanovic wurden für den „Tatort – Dunkelheit“ des Hessischen Rundfunks ausgezeichnet und legten auf der Bühne den politischsten Auftritt bei dieser Grimme-Preisverleihung hin.

 

Denn politisches Engagement steht auch hinter den von ihnen selbst gewählten Rollennamen: Mit seiner Figur Hamza Kulina „möchte ich einem realen Hamza eine künstlerische Ehre erweisen, der am 19.02.2020 traurige Bekanntheit erlangt hat“, sagte Hasanovic mit Blick auf den bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordeten 22-jährigen Hamza Kurtović: „Wir sind ja das Kommissar-Team, das die Cold Cases, die ungeklärten Fälle, bearbeitet – und auch hier schließt sich ein Kreis. Auch der Anschlag von Hanau ist bis heute nicht juristisch aufgearbeitet, und bis heute kämpfen Hinterbliebene um Gerechtigkeit. Allein mit diesem Namen am Sonntag ein Millionenpublikum daran zu erinnern, macht mich stolz.“

 

Auch Foroutans Rollenname Maryam Azadi enthält eine politische Botschaft: „Mit Maryam möchte ich an die Lieblingsgrundschullehrerin meines Bruders im Iran erinnern, und mit Azadi an ‚Jin, Jiyan, Azadi‘, die ‚Frauen, Leben, Freiheit‘-Proteste im Jahr 2022 im Iran erinnern.“

 

Beim Work in Progress des deutschen Fernsehens würde man sich mehr solcher couragierten Auftritte wünschen, gerade angesichts der aktuellen politischen wie wirtschaftlichen Herausforderungen im gesamten Medienbereich. Dass sich das Grimme-Institut zwar noch sehr zaghaft, aber überhaupt wieder im medialen Diskurs nach (von den Preisen abgesehen) jahrelangem Schweigen aus Marl wieder stärker zu Wort melden will, stimmt positiv. Und auf dem schwierigen Weg zu mehr Dialog und Toleranz statt Unverständnis und Hetze hilft dann ja auch wieder die tröstliche Erkenntnis von Frank Elstner: Früher war es nicht besser!