Journalismus
Peter Linden

Die Tücken der Grammatik

Nicht nur inhaltlich, auch grammatikalisch treten Muster auf.

Das häufigste: Subjekt ist meist der reiche, alte, weiße Mann.

Ende 2024 erschien auf tagesschau.de folgende Meldung: „(…) Eine New Yorker Geschworenenjury hatte es vergangenes Jahr als erwiesen angesehen, dass Trump die US-Autorin E. Jean Carroll 1996 in einem New Yorker Nobelkaufhaus angegriffen, sexuell missbraucht und später verleumdet hatte. Er wurde zu einer Entschädigung in Höhe von fünf Millionen Dollar verurteilt. Trump reichte daraufhin einen Berufungsantrag ein. Der Mitte der 1990er-Jahre noch nicht als Politiker tätige Immobilienunternehmer hat die Anschuldigung stets zurückgewiesen. Strafrechtlich sind die Vorwürfe verjährt, zivilrechtlich stand der heute 81-jährigen Carroll der Rechtsweg jedoch offen. Die Jury wertete den Vorfall 2023 als sexuellen Missbrauch, Carrolls Vorwurf einer Vergewaltigung durch Trump sah sie nicht als belegt an.“

 

Viermal ist hier Trump Subjekt: Er greift an, er wird verurteilt, er reicht ein, er weist zurück – nur im letzten Satz verschwindet er in einem Akkusativobjekt (durch Trump). Dem gegenüber steht E. Jean Carroll. Die Klägerin erscheint einmal als Akkusativobjekt, einmal als Dativobjekt und einmal im Genitiv. Dabei wäre es möglich gewesen, die Schlusspassage so zu formulieren: „Strafrechtlich ist der Vorfall verjährt, dennoch klagte Carroll zivilrechtlich gegen Trump. Sie beschuldigte ihn der Vergewaltigung. Dies sah die Jury nicht als belegt an und wertete den Vorfall lediglich als sexuellen Missbrauch.“ Zwei mal, und zwar an den Stellen, an denen E. Jean Carroll eindeutig Subjekt eigener Handlungen ist (klagen, beschuldigen), zwingt der Originaltext sie, in der „Opferrolle“ zu verharren.

 

Es ist statistisch messbar, dass Frauen, nicht nur in von Männern verfassten Texten, weitaus seltener die Rolle des grammatikalischen Subjekts einnehmen. Zwei jüngere Beispiele aus einer Ausgabe der „Welt am Sonntag“: „Um die Aufträge abzuarbeiten, braucht es mehr Personal. Für Andrea Nahles ist das dann eine Chance.“ Und: „Ein weiteres Ziel von Baerbocks feministischer Außenpolitik ist die Frauenförderung im eigenen Haus.“ Nicht die Politikerinnen, sondern die Wörter Chance und Ziel stehen grammatikalisch im Mittelpunkt. Und so einfach sähe die Alternative aus: „Andrea Nahles sieht darin eine Chance.“ Beziehungsweise: „Überdies versucht Baerbock, Frauen im eigenen Ministerium zu fördern.“ Das liest sich sogar besser, weil nun starke Verben an die Stelle eines bloßen „ist“ treten. Aktiv und Passiv Kein Korrekturprogramm dieser Welt und kein Ratgeber in Genderfragen beschäftigt sich bisher mit der Frage, wem in 8 Texten oder Sätzen die Subjekt- und wem die Objektrolle zu kommt. Auch die Frage nach dem Aktiv oder dem Passiv wird allenfalls als Geschmacks- oder Stilfrage abgehandelt. Dabei dienen Passivkonstruktionen häufig dazu, bestimmte Menschen und Personengruppen als unbedeutend, schwach oder wehrlos darzustellen. Zuweilen erscheinen sie auch opportun, Tätern sprachlich mildernde Umstände zu gewähren. Blicken wir im konkreten Beispiel des Trump-Prozesses noch einmal auf den letzten Satz. Dort steht: „Carrolls Vorwurf einer Vergewaltigung durch Trump (…).“ Ausgerechnet an der Stelle, an der er, immerhin ja des Missbrauchs offiziell schuldig, die Frau angreift, mutiert er zum Objekt in einer passiven Konstruktion. Und da Carroll, weshalb auch immer, in diesem Text nicht Subjekt sein darf, muss das Wort „Vorwurf“ einspringen.

 

Die Alternative lautet übrigens: „Carrolls Vorwurf, Trump habe sie vergewaltigt (…).“ Das Muster, die Einen als aktive Subjekte, gepaart mit starken Verben, darzustellen, während die Anderen als Objekte passiv in einer gewissen Statik verharren, taucht natürlich keineswegs nur bei Männern und Frauen auf. Es wird überall erkennbar, wo tradierte oder real existierende Hierarchien den Pyramidenblick nahelegen. Jemand steht oben und befehligt, lenkt, beobachtet jene dort unten: Adel und Mächtige das Volk, Erwachsene Kin der, Bosse ihr Personal, der Mainstream Randgruppen, Alteingesessene Zuwanderer. So funktioniert diese Gesellschaft, und es ist nicht grundsätzlich falsch, aus diesen Perspektiven heraus zu schreiben. Das Problem ist, dass darüber viele Menschen, die Großartiges leisten, nie zur Geltung kommen. Ein Gegenbeispiel aus einer „Bild“-Ausgabe im Januar 2024, Titel: „Mutterseelenallein!“ Es geht um...(Fortsetzung in der „Journalistenwerkstatt“ „Sensible Sprache“)

 

Mehr dazu: Journalistenwerkstatt

 

 

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