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Journalismus braucht Neugier – und die Bereitschaft zuzuhören

Journalismus braucht Neugier – und die Bereitschaft zuzuhören Attila Albert

Zeitdruck und redaktionelle Routinen führen dazu, dass Journalisten Gespräche oft mit einem fertigen Ergebnis im Kopf führen. Karrierecoach Attila Albert plädiert für die Bereitschaft, sich von Gesprächspartnern überraschen zu lassen.

Berlin – Wer sich noch an seine ersten Berufsjahre als Journalist erinnert, der erinnert sich an die Aufregung, interessante Menschen für ein Interview, für ein Portrait oder eine Reportage zu treffen, ihre Geschichten zu hören und wiederzugeben. Ein Politiker, Manager oder Künstler war dabei ebenso interessant wie jemandem, der aus seinem langen und bewegten Leben berichten konnte. Sich für andere zu interessieren, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen – das sollte eine Grundeigenschaft jedes Journalisten sein. Doch über die Jahre schleichen sich mehr als Gewöhnung und Routine ein; die Berufspraxis selbst wirkt dagegen.


In dieser Woche fiel mir das wieder während eines Workshops auf, den ich für Journalisten gegeben habe. Das Thema war kollegiale Fallberatung, das ist ein strukturierter Prozess (30 bis 45 Minuten), um einen Kollegen bei einer beruflichen Herausforderung zu beraten. Ein Schritt dabei ist, den Betreffenden anzuhören, bevor man eine Lösung vorschlägt: In welcher Situation befindet er sich, was belastet ihn, was will er erreichen? Bei den ersten Übungen waren nicht wenige Teilnehmer bereits nach drei, vier Minuten fertig. Sie hatten keine weiteren Fragen mehr, sondern nun ihr Urteil und Empfehlungen parat.


Das ist nicht im Sinn der Methode, und wir haben uns deshalb danach darauf konzentriert, uns mehr auf den anderen einzulassen, ihm mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Wenig überraschend stellte sich heraus, dass viele entscheidende Aspekte gar nicht zur Sprache gekommen waren. Nur wenige hatten beispielsweise nach den tieferen Gedanken, Motiven, Zweifeln und Sorgen gefragt, die aber entscheidend für eine realistische Bewertung und sinnvolle nächste Schritte sind. Sie sind mindestens so wichtig wie die äußeren Umstände, andere Beteiligte, bisherige und mögliche Aktivitäten.


Zwischen journalistischen Interviews und Podcasts
Das Vorgehen der teilnehmenden Journalisten erinnerte mich an den Unterschied zwischen journalistischen Interviews und Podcasts, wie er sich seit Längerem in aktuellen politischen Diskussionen – etwa zu den Wahlen in den USA oder kürzlich in Sachsen-Anhalt – zeigt. Hier ein zügiges, forderndes und nicht selten strenges Abfragen, das fast an Verhöre erinnert, dort lange, teilweise mehrstündige Gespräche, in denen die Gäste ihre Sicht darstellen dürfen, die die Fragesteller eventuell gar nicht teilen, die sie aber trotzdem ohne ständige Unterbrechungen, Suggestivfragen oder Korrekturen zulassen.


Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen, beide ihren Platz. Aber es fällt doch auf, wie vielen Journalisten die einstige Neugier auf andere – insbesondere auf diejenigen, die nicht wie sie selbst sind – und die Offenheit für andere Ansichten abhandengekommen sind. Im Workshop haben wir uns herangetastet. Es ist gar nicht einfach, jemandem nur eine Viertelstunde aufmerksam und interessiert zuzuhören, ihn reden zu lassen und sich darauf einzulassen, nur Verständnisfragen zu stellen und eigene Urteile weder offen noch indirekt zu äußern. Gerade im redaktionellen Alltag ist das kaum noch vorgesehen.


Beiträge schnell und berechenbar fertigstellen
Einerseits ist das produktionsbedingt. Recherchen finden unter Zeit- und Erfolgsdruck statt. Sie müssen der Blattlinie entsprechen und üblicherweise bereits gesetzte Erwartungen erfüllen (z. B. Titel und Tendenz des Beitrags bereits durch die Chefredaktion festgelegt). Sie können also selten ganz ergebnisoffen und erschöpfend stattfinden, das heißt, jeden Aspekt berücksichtigen oder sich komplett wenden. Das trainiert Journalisten darauf, möglichst schnell die passenden Protagonisten, Fakten und Zitate zusammenzustellen, um den Beitrag fertigzustellen und veröffentlichen zu können, ehe es an den nächsten geht. Man geht gedanklich eine Checkliste durch, weil man bereits den Beitrag komponiert.


Diese Logik der Produktionsökonomie und Sicherheitsorientierung – der Beitrag soll so laufen, wie er geplant war – führt auch bei der Auswahl der Protagonisten für Interviews, Talkshows und andere Gesprächsformate zu gezielten Rollenbesetzung. Man weiß vorab, was der Jeweilige sagen wird, und ebenso, wie die anderen darauf reagieren werden. Damit lässt sich die Dramaturgie des Formates relativ sicher planen und umsetzen, ein tieferes inhaltliches Einarbeiten ist mit dieser Methode gar nicht nötig. Das schützt allerdings auch vor Überraschungen im positiven Sinne: Jeder Protagonist sagt, was er immer sagt, es will auch keiner etwas dazulernen oder gar einmal seine bisherigen Ansichten ändern.


Der Eindruck, es besser als andere zu wissen
Andererseits kann dadurch, dass man sich als Journalist theoretisch zu allem äußern kann und dafür auch eine größere Plattform als die allgemeine Bevölkerung hat, leicht der Eindruck für einen selbst entstehen, dass man vieles auch wirklich besser wüsste als andere. Meist sprechen objektive Kriterien, etwa der Berufsabschluss bzw. das Studienfach sowie die Berufserfahrung außerhalb des Journalismus dagegen. Wer ihm trotzdem erliegt, wird schnell besserwisserisch, herablassend und belehrend – und das ohne echten Grund. Auch hier steuern Neugier und Offenheit gegen: Man fragt nach, um zu verstehen.


Sich wirklich für andere zu interessieren, durchbricht die selektive Wahrnehmung und Auswahl. In Gesprächspartnern zeigen sich damit Nuancen – schöne und schwierige Seiten, Übereinstimmungen und Unterschiede –, was sie komplex und nicht leicht zuordenbar macht. Aber so sind Menschen und das Leben; journalistische Inhalte werden dadurch vielschichtig und spannend. Dem Gesprächspartner, sei es beruflich oder privat, schenkt man mit ungeteilter Aufmerksamkeit ein seltenes Erlebnis, denn die meisten reden nun einmal am liebsten von sich und können kaum abwarten, bis der andere endlich schweigt. Wer ergebnisoffen nachfragen und zuhören kann, erfährt mehr als das Erwartete.

 

Zur vergangenen Kolumne: In der Lebensmitte

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

 

 

 

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