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dpa – Anna Ringle, Roland Freund

Warum Verleger Dirk Ippen weitere Anteile verschenken will und an wen

Warum Verleger Dirk Ippen weitere Anteile verschenken will und an wen Dirk Ippen

Dirk Ippen kennt die deutsche Medienbranche noch aus einer Zeit, als sie völlig anders tickte. Heute ist der Verleger mit rund 100 Zeitungstiteln einer der Großen und verdient im Digitalen mit. Zum 80er erzählt er, was er heute vermisst und was sein größter Fehler war.

München (dpa) − Er begann als Lokalverleger in Nordrhein-Westfalen, später wurde er zu einem der größten Verleger in Deutschland. Ab wann er ans Geschäft im Digitalen glaubte, was ihn von anderen unterscheidet und was sein größter Fehler als Unternehmer war, erzählt Dirk Ippen anlässlich seines 80. Geburtstags am 13. Oktober.

 

Wenn Sie nicht Verleger geworden wären, welchen Weg hätten Sie eingeschlagen?

Dirk Ippen: Ich wäre gerne Historiker geworden.

 

Wann ärgern Sie sich?

Ich ärgere mich, wenn ich auf Vorurteile stoße. Und über Borniertheit und Angebertum.

 

Was ist Ihre größte Schwäche?

Ich treffe manchmal sehr schnelle Entscheidungen und äußere mich manchmal sehr spontan. Da habe ich so manche Menschen verletzt und mir auch selber geschadet.

 

Wie oft sind Sie am Tag auf Twitter?

Gar nicht.

 

Schauen Sie lineares Fernsehen − also das fortlaufende TV-Programm?

Eigentlich überhaupt nicht. Ich bin aber Abonnent von Netflix. Da gucke ich aber auch wenig.

 

Wird die gedruckte Zeitung auch noch in zehn Jahren bis in den letzten Winkel Deutschlands ausgetragen?

Wir werden das mit Sicherheit versuchen, solange es geht. Die Entwicklung hin zum E-Paper und zum digitalen Abonnement ist jetzt auch gerade in der Corona-Krise stark. Ich glaube schon, dass man an einen Punkt kommen wird, wo man auch jemandem sagen kann, der sehr entfernt wohnt: „Wir bringen Dir keine Zeitung mehr gedruckt, aber hier ist ein Tablet und Du kriegst Deine Zeitung digital.“ Noch ist es aber nicht soweit.

 

Wir stecken mitten in der Corona-Pandemie. Die Medienhäuser mussten wegbrechende Werbeerlöse verkraften. Wie reagieren Sie darauf?

Corona bewirkt vor allem, dass Entwicklungen, die sowieso vorhanden sind, beschleunigt werden. Die Print-Anzeige war ohnehin eher im Rückschritt. Deswegen haben sich unsere Häuser schon weg von der Abhängigkeit von gedruckten Anzeigen weiter entwickelt. Diese Werbeerlöse machten früher 60 bis 80 Prozent der Gesamterlöse eines Zeitungsverlags aus. Heute sind es eher 30 bis 35 Prozent. Wir haben dafür nennenswerte Erlöse an digitaler Werbung.

 

Ab wann haben Sie an den Erfolg Ihrer digitalen Sparte, der sich einstellte, geglaubt? Das war ja nicht von Anfang an so?

Ich habe zunächst nicht an den Erfolg geglaubt. Ich habe nur gedacht: Man muss die jungen Leute machen lassen. Das darf man nicht mit 70 Jahren alles abbremsen. Wo ich früh an den Erfolg geglaubt habe − das hat aber weniger mit Journalismus zu tun − sind die digitalen Rubriken-Portale.

 

Zuletzt haben Sie das News-Portal „Buzzfeed Deutschland“ gekauft. Wie sieht es mit weiteren Investments im digitalen Bereich aus?

Wir würden sicherlich Chancen wahrnehmen.

 

Was unterscheidet Sie von anderen Mediengruppen in Deutschland?

Unser Denken ist nach wie vor nicht konzerngeprägt. München ist nicht die Zentrale für die ganze Gruppe. Das Denken ist bei uns sehr viel dezentraler.

 

Der Staat will Presseverlage mit Millionenbeträgen bei der digitalen Transformation fördern − das genaue Konzept ist noch unklar. Wie stehen Sie zu der Hilfe?

Das ist auf jeden Fall eine gute Absicht. Ich bin trotzdem etwas skeptisch, wie man das verteilen will, denn jeder arbeitet an digitaler Transformation. Subventions-Geld ist eigentlich wie eine Droge. Das führt meistens in die falsche Richtung. Ich würde es besser finden, wenn der Staat endlich aufhören würde, uns massiv zu behindern. Zum Beispiel mit zu viel Vorschriften im Zustellbereich. Dabei war schon einmal geplant, die Zustellung von Zeitungen und Anzeigenblättern als sogenannte „haushaltsnahe Beschäftigung“ − was es ja in der Tat ist − von Abgaben zu entlasten.

 

Soll der Mindestlohn für Zusteller abgeschafft werden?

Der Mindestlohn ist insgesamt eher ein Irrweg. Und gerade bei den Zustellern regelt es sich sozusagen von selbst. Wenn wir nicht gut zahlen, dann bekommen wir auch keine Zusteller mehr.

 

Der Präsident des Zeitungsverlegerverbands BDZV und Springer-Chef Mathias Döpfner regte an, die Mehrwertsteuer für Presseprodukte zu streichen.

Da wäre ich durchaus dafür. Dann fängt nicht das Gerangel um staatliche Wohltaten an. Dann werden alle mit einer Latte gemessen. Und der Bestand einer unabhängigen Presse wäre gestärkt.

 

Die operativen Geschäfte haben Sie inzwischen in andere Hände gelegt. Die Hälfte der Gruppe gehört noch Ihnen. Was planen Sie?

Mein Neffe Daniel Schöningh, mein langjähriger Mitarbeiter Harald Brenner und mein ältester Sohn Jan sind maßgeblich beteiligt an der Gruppe. Ich plane schon, auch weitere Anteile zu verschenken und habe in meinem Testament entsprechende Regelungen getroffen. Es können unter Umständen weitere Kollegen dazu kommen. Ich glaube an Unternehmer. Aber es wird schon im Rahmen der Gruppe bleiben, Persönlichkeiten, die jetzt schon bei uns aktiv sind. Es wird keinen Ausverkauf geben.

 

Welches Ziel haben Sie sich gesteckt?

Unsere Gruppe von Unternehmen und Medienhäusern so zu fördern, dass sie eine möglichst lange, erfolgreiche Zukunft vor sich hat.

 

Der größte Traum, den Sie sich verwirklichen konnten, war …

… ein Leben in Selbstständigkeit und Freiheit mit Gestaltungsmöglichkeiten führen zu können.

 

Was war Ihr größter Fehler als Unternehmer?

Vielleicht, dass ich von einem kleinen Verlag ausgehend, wo man mit jedem eng verbunden war, so viele Verlage dazugekauft habe. Man kann so gar nicht mehr die persönliche, enge Verbindung mit allen Mitarbeitern haben wie in meinen Anfangsjahren. Das vermisse ich sehr.

 

ZUR PERSON: Dirk Ippen (79) zählt zu den größten Verlegern in Deutschland. Er begann mit 27 Jahren als Lokalverleger in Nordrhein-Westfalen und baute sein Unternehmen auf heute rund 100 Zeitungstitel und mehrere Verlage aus. Dazu zählen unter anderen der „Münchner Merkur“, die Münchner Boulevardzeitung „tz“ und die „Frankfurter Rundschau“. Aus dem operativen Geschäft hat sich Ippen zurückgezogen, er hält zugleich rund die Hälfte an der Unternehmensgruppe.

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