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„Wärme entsteht durch Reibung“: Markus Wiegand über Zweifel, Flops und Zweckoptimismus

„Wärme entsteht durch Reibung“: Markus Wiegand über Zweifel, Flops und Zweckoptimismus Markus Wiegand (Foto: Medienfachverlag Oberauer)

Zum zehnten Geburtstag von „kress pro“ unterzieht sich der Chefredakteur einer schonungslosen Selbstbefragung. Er spricht über gescheiterte Recherchen, persönliche Schwächen und darüber, warum er der Medienbranche trotz allem optimistisch begegnet.

Berlin – In der 100. Ausgabe von „kress pro“ blickt Chefredakteur Markus Wiegand auf ein Jahrzehnt Magazinmacher-Dasein zurück. Statt eines klassischen Jubiläumstextes wählt er einen ungewöhnlichen Ansatz: eine unerbittliche Selbsterkundung. Im Interview spricht Wiegand offen über Zweifel vor dem Neustart, journalistische Niederlagen, Eitelkeiten der Branche – und über seine Haltung zu Kritik, Optimismus und Unabhängigkeit.

Hattest du vor dem Start bei „kress“ Zweifel?
Ganz ehrlich: ja. Im Gegensatz zu Verleger Johann Oberauer. Vor mehr als zehn Jahren war der damalige kress report in keinem guten Zustand. Das 14-tägliche Heft wurde nur noch wenig beachtet, alle Kurven gingen steil nach unten. Ich habe meinem Verleger vor dem Neustart mit kress pro gesagt: Ich haue mich voll rein, aber ich kann dir nicht versprechen, dass das gut geht.


Welche Artikelvorhaben sind gescheitert?
Da würde der Platz nicht reichen. Ärgerlich ist, dass ich nicht längst das geplante Stück über Medien-Union-Chef und SZ-Verleger Thomas Schaub geschrieben habe, über den fast nie etwas erscheint, weil er eigentlich nicht mit Journalisten spricht. Dabei hat Schaub einmal sogar überraschend in der Redaktion angerufen, weil er nicht wollte, dass wir weiter ein Bild von ihm verwenden, an dem wir – wie sich herausstellte – tatsächlich keine Bildrechte hatten. Er fragte zu Beginn des Gesprächs streng: „Schaub hier, wissen Sie, wer ich bin?“ Ich wusste es zum Glück, und wir hatten ein angenehmes und erhellendes Gespräch.


Welche Recherchen sind gescheitert?
Ich habe nie herausgekriegt, warum Gabor Steingart wirklich bei Dieter von Holtzbrinck rausgeflogen ist. Und ich habe nie verstanden, warum Paul Ronzheimer gerade der neue Liebling des deutschen Journalismus ist, obwohl er ganz tief in die Reichelt-Affäre verstrickt ist.


Welches war der größte Flop, den ihr veröffentlicht habt?
Ziemlich bald nach dem Start vor zehn Jahren hatten wir eine gute Magazin-Geschichte über die exorbitanten Gehälter von Fußballexperten bei ARD und ZDF. Bei der digitalen Version ging dann aber leider einiges durcheinander. Die Story ging viral, aber die Summen und die Vertragslaufzeiten passten nicht richtig zusammen. Verbrieft ist aber, dass Günter Netzer als ARD-Experte in seinem besten Jahr über eine Million Euro bekam. Daher habe ich meinen Frieden mit dem Flop gemacht.


Welches ist deine größte Schwäche als Magazinmacher?
Ich interessiere mich nicht wirklich für Layout und Ästhetik. Ob Menschen auf Bildern in die Seite rein- oder rausschauen, ist mir so was von egal. Darum kümmern sich bei uns Gerald und Sabrina aus dem Layout. Danke, Leute.


Welchen Job hättest du jetzt lieber?
Da gibt es echt nur einen: Ich wäre gern Live-Sport-Kommentator fürs Radio. Ach ja. Und am Tag, wenn die Boni überwiesen werden: Springer-Chef.


Bedienen diese Kress Awards am Jahresende nicht nur die Eitelkeiten der Branche?
Ein bisschen. Es geht für uns aber auch darum, die Arbeit von Menschen wertzuschätzen, die der Medienbranche ein Stück Zukunft geben. Und das ist nicht einfach, weil das Geschäft in vielen Bereichen immer schwieriger wird.


Warum verbreitest du immer diesen Zweckoptimismus?
Weil der Pessimismus so übertrieben wird. Ich höre seit 20 Jahren, dass die Medienbranche dem Untergang geweiht ist – und dann geht es doch immer recht munter weiter.


Wen in dieser Branche kannst du echt nicht leiden?
Da gibt’s keinen. Das würde meinem Selbstverständnis total widersprechen. Ich rede mit allen, die mit mir sprechen wollen. Erst recht, wenn es mal böses Blut gab. Ich finde: Wärme entsteht durch Reibung. Zugegeben, das sehen die Protagonisten oft anders.


Und wer ist dein heimlicher Liebling?
Auch niemand, das wäre unjournalistisch. Wenn er noch leben würde, vielleicht Günther Kress – wegen seines unbedingten Willens zur Unabhängigkeit und seines Witzes. Aber das hätte ich ihm nie gesagt. Es wäre ihm peinlich gewesen. Und mir auch.

 

Must-Reads in der Jubiläumsausgabe 

  • Interview: „Vor uns liegt jetzt die entscheidende Phase“: In diesem Jahr zeichnen wir Thomas Düffert als "Medienmanager des Jahres" aus. Im Interview sagt der Madsack-Chef, wie er regionalen Journalismus künftig finanzieren will.
  • Ranking: Die Kress Awards 2025 - Die Besten der Branche: „Kress pro“ zeichnet 70 Führungskräfte aus, die in der Medienbranche im vergangenen Jahr Herausragendes geleistet haben. In Vertrieb, Vermarktung und Chefredaktion (national und regional), im Digitalgeschäft, bei Fachmedien, TV und Audio. Und in Österreich und der Schweiz. Die Sieger in den zwölf Kategorien und alle Begründungen.
  • Story: Machtkampf bei der FAZ: Ex-BR-Intendant Ulrich Wilhelm schwingt sich zum starken Mann bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf. Das sorgt für Abgänge im Aufsichtsrat und ein wachsendes Unbehagen in Frankfurt.
  • Case: So erreicht die „Zeit“ mit Videos neue Zielgruppen: Auf welche Videoformate und Kanäle die „Zeit“ setzt, um mit Bewegtbild erfolgreich zu sein. Spoiler: Ein Interview mit Gregor Gysi landete bei YouTube mit 1,7 Millionen Abrufen auf Platz eins.

 

 

 

 

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