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Vor 80 Jahren erschien der Vorläufer der „Jüdischen Allgemeinen“

1946 kam das „Jüdische Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen“ heraus. 80 Jahre später ist daraus die „Jüdische Allgemeine“ geworden. Im Jubiläumsjahr erhält sie eine Auszeichnung: den Tacheles-Preis.

Berlin/Düsseldorf (KNA) Die Schoah war noch kein Jahr vorüber, als in Düsseldorf eine neue Zeitung für die kleine jüdische Gemeinschaft von Überlebenden auf den Markt kam. Rund sechs Millionen europäische Jüdinnen und Juden waren unter dem Nazi-Regime zuvor ermordet worden. Die Presse lag am Boden, jüdische Publikationen durften im Nationalsozialismus nicht erscheinen. Am 15. April 1946 kam dann mit Genehmigung der britischen Militärregierung das „Jüdische Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen“ heraus.

 

80 Jahre und diverse Namenswechsel später: Aus dem Vorläufer „Gemeindeblatt“, das später unter anderem „Allgemeine Jüdische Wochenzeitung“ hieß, wurde 2002 die „Jüdische Allgemeine“. Mit dem Berlin-Umzug des Zentralrats der Juden in Deutschland, der die „Jüdische Allgemeine“ als Wochenzeitung herausgibt, kam 1999 auch die Redaktion in die Bundeshauptstadt. Sie gibt die Druckauflage mit knapp 11.000 Exemplaren an, für die Online-Ausgabe monatlich zwischen 2,7 Millionen und 3,5 Millionen Seitenaufrufe.

 

Wiederaufbau der Gemeinden

Blickt man 80 Jahre zurück, stand die Freiheit in der ersten Ausgabe des „Jüdischen Gemeindeblatts für die Nordrhein-Provinz und Westfalen“ im Mittelpunkt eines Geleitwortes des Holocaust-Überlebenden Philipp Auerbach, der auch Mitglied des ersten Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland war. Darin wird die neue Publikation als „erster Schritt in die Freiheit“ bezeichnet, als ein „weiterer Schritt für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland“. Nachzulesen ist das heute in einer kleinen Ausstellung im Düsseldorfer Stadtteil Benrath, wo die Zeitung seinerzeit produziert wurde.

 

Die Schau in einem Raum des dortigen Bürgerhauses ist in erster Linie Lilli Marx gewidmet. Die 1921 in Berlin geborene Jüdin schaffte es vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, nach Großbritannien auszureisen. Mit ihrem Mann Karl kehrte sie 1946 nach Deutschland zurück und setzte sich in Düsseldorf für den Wiederaufbau jüdischen Lebens ein – mit einem großen Augenmerk auf der Förderung von Frauen. Zu ihrem vielfältigen Engagement gehörten den Angaben zufolge ab 1946 Spitzenpositionen neben ihrem Mann in der neuen jüdischen Publikation, die unter ihren wechselnden Titeln weitergeführt wurde.

 

Holocaust, Wiedergutmachung, Dokumente

Unter der Leitung des Paares sei die Zeitung zu einem festen Bestandteil der deutschen Presselandschaft geworden, heißt es. Sie erreichte auch eine Leserschaft über die jüdische Gemeinschaft hinaus. Wer wissen möchte, worüber im Laufe der Zeit berichtet wurde, kann sich in der Ausstellung durch einige alte Exemplare lesen. Da geht es zum Beispiel um Wiedergutmachung nach der Schoah, das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft, den Blick in die arabische Welt und Gedanken der damaligen Ministerin Rita Süssmuth über ihre Israelreise („Was lernen wir aus dem Holocaust?“).

 

Andrea Sinn schreibt in ihrem Buch „Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik“, dass sich Lillis Mann Karl Marx wohl auch in der Rolle „des politischen Sprechers und Repräsentanten jüdischer Interessen“ gesehen habe – er sei somit ein politischer Verleger gewesen. 1949 landete Marx einen Coup: Auf der Titelseite der Zeitung, die bereits „Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland“ hieß, stand ein Interview mit Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der sich darin laut Sinn „zum ersten Mal öffentlich zur Notwendigkeit der Wiedergutmachung bekannte“.

 

Tacheles-Preis

Auch die heutige „Jüdische Allgemeine“ hat ihren festen Platz in der Presselandschaft. Es gibt in Deutschland auch andere jüdische Publikationen, die „Jüdische Allgemeine“ wurde jedoch die „einzige überregionale jüdische Zeitung in Deutschland von dauerhaftem Bestand“, wie es einmal der Historiker Michael Brenner formuliert hat. Die Redaktion schreibt aus jüdischer Perspektive über Politik und Kultur, berichtet über jüdische Gemeinden im In- und Ausland, über Religion, Antisemitismus, Israel und Promi-Klatsch.

 

Das „medium magazin“ zeichnete den derzeitigen Chefredakteur Philipp Peyman Engel 2023 als Chefredakteur des Jahres aus. Im aktuellen Jubiläumsjahr kommt der Tacheles-Preis hinzu, der der Redaktion am 19. Mai in Berlin verliehen wird. Damit zeichnet der jüdische Verein Werte-Initiative Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland aus: „Mit dem Tacheles-Preis würdigen wir Menschen, die Klartext sprechen, einordnen, widersprechen und eine Quelle der Inspiration und des Mutes für unsere Gemeinschaft sind.“

 

 

 

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