Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Theaterstück „Die vierte Gewalt“ über eine Zukunft ohne Journalismus

Was bleibt, wenn Journalismus nur noch im Museum existiert? „Die vierte Gewalt“ im alten SWR-Funkhaus Mannheim entwirft eine beklemmend aktuelle Mediendystopie – und stellt die Frage, wie nah sie der Wirklichkeit bereits ist.

Mannheim (KNA) – „Können Sie sich noch an ‚Berichterstattung‘ erinnern, ‚Tagesschau‘ und so?“, will Museumspädagogin Lisa Schneider von ihrer Besuchergruppe wissen. „Ich weiß, Sie vermissen nichts“, aber damals sei Journalismus „ein ganz normaler Beruf“ gewesen, mit „selbstbewussten Redaktionen“ und „ohne jedes Schamgefühl“. Es habe gar kein Unrechtsbewusstsein für das gegeben, was sie taten, geht es weiter. Schließlich hätten diese „Journalisten“ die Menschen mit ihrem „Nachrichtengewitter überfordert“ und „ganz konfus gemacht“.


Damit ist zum Zeitpunkt der Museumsführung zum Glück schon einige Zeit Schluss. Wir schreiben das Jahr 2036. Pressefreiheit gibt es nicht mehr, stattdessen sendet das „Bundesinformationsministerium“, das die komplette Versorgung der Bevölkerung mit individualisierten Informationen übernommen hat. Womit die Menschen höchst zufrieden sind.


Emotion statt Information
Journalismus kann im Museum besichtigt werden, wo klargemacht wird, wo seine „Schuld“ liegt: an der Überforderung der Menschen durch immer mehr und immer widersprüchlichere Informationen. Und an der immer stärkeren Emotionalisierung des Nachrichtengeschäfts. „In den 2020er-Jahren erkannten die Medien, dass es nicht um Information geht, sondern um Emotion. Gefragt war nicht mehr das, was stimmte, sondern was stimmig war“, erläutert Museumsführerin Schneider (Pia Kessler) ihrem Publikum.
Und dieses Publikum sind wir beziehungsweise die Menschen, die an diesem Freitagabend in Mannheim vom Kunstverein Industrietempel in diese Mediendystopie mitgenommen werden. Geschrieben hat sie der SWR-Redakteur Thomas Reutter, und nicht nur die Thesen des Stücks, sondern auch der Schauplatz sind original: Die Führung findet im ehemaligen SWR-Funkhaus Mannheim statt, das der ARD-Sender bis 2024 nutzte und das seitdem inklusive der meisten Originalausstattung leer steht.


Reale Beispiele
Hierdurch schlängelt sich die fiktive Führung von den Schnitträumen durch die Regie ins eigentliche Studio und erinnert mit realen Beispielen daran, wann diese Veränderungen anfingen: mit Bundespräsident Horst Köhler, der wegen eines Pressestatements 2010 zurücktreten musste, oder mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der schon 2015 zur Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover vor der Presse erklärte: „Verstehen Sie, dass ich darauf keine Antwort geben möchte. Ein Teil der Antwort würde die Bevölkerung verunsichern.“


Als Stimme dieser Bevölkerung lässt Reutter wie im antiken Theater einen kleinen Chor auftreten. Der ist angemessen angry und ruft: „Nehmt Euch in Acht, das öffentliche Interesse hat sich gewandelt“, und: „Die Nachrichten haben uns krank gemacht, sie sollen verboten bleiben“. Dass es 2036 ein Bundesinformationsministerium als einzige publizistische Stimme gibt? „Wir wollten es“, ruft der Chor, der immer wieder bei den einzelnen Stationen der Tour sein eindrückliches Plazet deklamiert.


Das Bundesinformationsministerium
Alle wollten es? Nicht alle, denn plötzlich ist Alex (Sarah Hornung) da. Sie sendet von einem Schiff mit dem Piratensender „Free Europe“ gegen die gefällig-manipulative Informationsöde des Ministeriums an, nimmt die gesamte Besuchergruppe als Geisel und verlangt umgehend ein Gespräch mit dem Minister.
Der hat zwar keine Zeit, aber live auf dem Bildschirm erscheint sein Staatssekretär Marc Blank (herrlich schmierig: Arnaud Geiger) und erklärt: „Wir wissen, was die Menschen sehen, hören, fühlen wollen – wir kennen alle Interessen.“ Aus seiner Herablassung gegenüber dem normalen Volk macht dieser Blank keinen Hehl: „Wir leben in einer Zeit des Postfaktischen“, bemerkt er trocken. Die Menschen wollten nicht mehr abwägen und hinterfragen, die Regierung genieße 59 Prozent Zustimmung: „Wer das angreift, begeht Landesverrat und ist aus dem Ausland gesteuert.“


Also ist die „Pressefreiheit“ krude Ideologie, kritische Sender und Blogger sind als Terrororganisation eingestuft und verboten. „Die Leute wollen ihre Ruhe und keine breite Diskussion“, sagt Blank. „Wir sind erschöpft“, sekundiert der Chor. Alex’ „Free Europe“ wird allerdings noch geduldet, weil der kleine Sender kaum Einfluss hat.


Ist Medienfreiheit gestrig?
Ihr flehentliches „Wir wollen wieder Journalismus. Wir wollen wieder wissen, was da draußen für ein Scheiß abläuft“, quittiert der von den Kurpfälzer Madrigalisten gestellte Chor mit einem vielstimmigen „So einsam, so mühsam, so gestrig!“, und weil die Macht so absolut beim autoritär-väterlichen Staat liegt, wird Alex’ Social-Media-Kanal von Blank noch einmal für kurze Zeit freigeschaltet. Sie setzt noch einen eindringlichen Appell ab und wird dann von zwei Menschen aus dem Raum geschleift.
Zurück bleibt ein sichtlich bewegtes Publikum, das zwischendurch in klugen Einspielern noch erklärt bekam, was es mit Phänomenen wie Doomscrolling, News Avoidance und False Balance auf sich hat. Und das hinterher diskutiert: An jede der zehn Aufführungen schloss eine Publikumsdiskussion mit Medienvertretern an – vom früheren „Monitor“-Chef und heutigen WDR-Korrespondenten in Nairobi, Georg Restle, über den für seine investigativen Filme bekannten Autor und Regisseur Daniel Harrich, Correctiv-Chef Justus von Daniels und Netzwerk-Recherche-Vorstand Daniel Drepper bis zu den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der regionalen Zeitungen Miriam Scharlibbe („Mannheimer Morgen“), Yannick Dillinger („Rheinpfalz“) und Klaus Welzel („Rhein-Neckar-Zeitung“). Nur der SWR hatte anscheinend leider keine Zeit.


Doch das kann er wiedergutmachen, indem er das Stück auch bei sich aufführen lässt oder in geeigneter Form ins Programm nimmt. Zum Jugendmedientag oder Tag der Pressefreiheit beispielsweise. Oder ganz einfach als Fortbildung in eigener Sache.


Die Idee entstand im Museum
Denn was Reutter und der Industrietempel – übrigens alles Laienschauspieler – da im wahrsten Wortsinn auf die Studiobühne brachten, bringt in nur einer Stunde auf den Punkt, vor welchen Herausforderungen der „Journalismus“ und „die Medien“ stehen. Er sei auf die Idee gekommen, als er 2023 im benachbarten „Technoseum“, Mannheims Haus für Technikgeschichte, die Ausstellung „Auf Empfang“ über die Geschichte des Rundfunks besucht habe, erzählt Reutter: „Da war viel vom SWR ausgestellt und ich hab’ gedacht: Jetzt sind wir auch Museum – gleichzeitig wurden die Angriffe auf einzelne Journalisten und Medien generell immer stärker.“


Weil die nie um kühne Ideen verlegenen Industrietempler da gerade ein Sci-Fi-Stück auf den Weg gebracht hatten, in dem nach einer globalen Flutkatastrophe die letzten Indigenen im Hockenheimring sitzen und die letzten fossilen Brennstoffe verfeuern, lag eine „Science-Fiction, in der die Funkhäuser geschlossen sind und die Pressefreiheit weg ist“ (Reutter) quasi auf der Hand.


An den Haaren herbeigezogen?
Bei aller Dystopie geht es den Macherinnen und Machern darum, auszuloten, wo wir aktuell stehen. „In den Diskussionen wurde entsprechend debattiert: Was ist an den Haaren herbeigezogen, wo müssen wir wirklich aufpassen?“, bilanziert Reutter, der mit dem Stück gern weiter auf Tour gehen würde.
Denn auch wenn in „Die vierte Gewalt“ viel Science-Fiction ist: Die Parallelen zur Aktualität sind so eindrücklich wie bedrückend – auch wenn im Stück selbst nicht ein einziges Mal von der AfD oder Donald Trump die Rede war. Und alles sollte getan werden, damit die Kurpfälzer Madrigalisten als Chor am Ende nicht recht behalten: „Wir wollen es, so sad, so cute, so angry …“

 

 

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