Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Symposium über Herausforderungen der christlichen Publizistik

Beim Robert Geisendörfer Preis ging es in Mainz um die Zukunft christlicher Publizistik: Wie kann Journalismus Vertrauen zurückgewinnen, dialogischer werden und zugleich unabhängig bleiben?

Mainz (KNA) – Alles neu macht Mainz: Zur diesjährigen Preisverleihung hatte sich der Robert Geisendörfer Preis erstmals ein vorgeschaltetes Symposium verordnet, das sich unter dem programmatischen Titel „Im Zweifel relevant!“ mit Herausforderungen für die christliche und vor allem die evangelische Publizistik beschäftigte.


Der Medienwissenschaftler Burkhard Pörksen erinnerte dabei nochmal an sein Konzept einer „redaktionellen Gesellschaft“, in der sich alle Menschen in gewisser Weise selbst journalistisch Informationen erschließen, während den Medien zunehmend die Rolle als Moderatoren zukommt. Die Leitversion dieser redaktionellen Gesellschaft betrachte „Journalismus nicht mehr nur als Beruf, sondern als Kulturtechnik“.


Mit Blick auf das abnehmende Vertrauen in die Berichterstattung forderte Pörksen einen „neuen Pakt“ zwischen Gesellschaft und Medien, wobei es zunächst vor allem darauf ankomme, auf breiter Front in der Gesellschaft „Wissen darüber zu vermitteln, wie Medien funktionieren“. Der in Tübingen lehrende Professor wünscht sich hier zum Beispiel eine „Fernseh-Talkshow zur besten Sendezeit“, die mit gutem Beispiel vorangeht und nicht wie die meisten TV-Formate im Grundsatz konfrontativ, sondern „dialogisch und zuhörend ist“. Denn es brauche aktuell „kritische Empathie statt der grassierenden, massiven Deutungshysterie im Journalismus“, sagte Pörksen.


Die in diesem Jahr mit dem Sonderpreis beim Robert Geisendörfer Preis ausgezeichnete WDR-Journalistin und Reporterin Isabel Schayani sagte, als Journalistin werde sie immer kritische Fragen stellen. Die Medienunternehmen in Deutschland seien aktuell aber sehr verunsichert, was auch auf ihre Mitarbeitenden ausstrahle. Sie wünschte sich, „dass wir nicht nur aus der Defensive handeln, sondern den Schatz, den wir in Händen halten, viel stärker wertschätzen“. Um das plurale deutsche Mediensystem und die freie Meinungsäußerung würden uns viele Menschen in aller Welt, zum Beispiel im Iran, beneiden, sagte die deutsch-iranische Journalistin.


Stefanie Schardien, als Geschäftsführerin des Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik (Gep) direkt angesprochen, konstatierte, der Vertrauensverlust treffe Medien und Kirchen gleichermaßen. Das widerspreche aber eigentlich der Realität: „Bei uns ist das Wasserglas so was von halbvoll. Wir sollten mutig über Lösungen nachdenken, statt immer nur Probleme zu wälzen“, so Schardien.


Die evangelische Publizistik habe ein christliches Wertesystem, an dem sie sich orientieren könne. „Wir können den Leuten einen anderen Deutungshorizont anbieten.“ Dazu biete das Gep eine ganze Bandbreite von Produkten, die sich natürlich auch der Kritik stellen müssten. „Wir haben für ‚Chrismon‘ lange Haue bekommen wegen der konstruktiven Grundhaltung des Magazins“, so Schardien. „Das wurde als Happy-Clappy-Journalismus verspottet.“


Florian Höhne, Professor für Medienethik an der Universität Erlangen-Nürnberg, wünschte sich in diesem Zusammenhang für die christliche Publizistik Menschen, „die auf zuhörende Weise öffentlich Stellung beziehen“. Das Christentum sei eine Richtschnur und bilde sicherlich ein „Deutungsgerüst“. Allerdings könnte dieses auch „als hemmend begriffen werden“, warnte Höhne. „Vor allem wenn man das Ganze nicht als christliche, sondern als kirchliche Publizistik begreift.“


Er plädierte daher auch unabhängig von der Institution Kirche für „institutionsunabhängigen Journalismus innerhalb der Institution“. Denn sonst würde man eher Öffentlichkeitsarbeit machen, so Höhne. Entscheidend sei, wie die Institutionalisierung der journalistischen Unabhängigkeit gestaltet wird: „Es geht um die Institutionalisierung von Freiheit.“


Unabhängig heiße dabei aber nicht unbeteiligt, sonst seien Journalisten nur Protokollanten der Weltgeschichte – oder reine Datensammler, so Höhne. Zudem brauche es insgesamt gute Finanzierungsmöglichkeiten für Journalismus. Ein „neuer Journalismus“, pflichtete der Medienethiker seinen Vorrednern bei, müsse immer „dialogisch und transparent sein, oder es gibt ihn nicht“.


Ob dieser Bewusstseinswechsel gelingt? In Mainz war man sich einigermaßen sicher: „Wir müssen alles erwarten, auch das Gute“, sagte Höhne. Und für den Fall, dass es mit dem „Mehr Optimismus wagen“ doch nicht klappen sollte, hat Medienprofessor Pörksen wie immer noch ein Ass im Ärmel: „Wenn es doch schiefgeht, hat der Aufklärungsoptimist immerhin das schönere Leben gehabt.“

 

 

 

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