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„Niemand wird sagen, es gibt zu viel Medienjournalismus“ – Wie sich das „medium magazin“ als Digitalangebot neu erfindet

„Niemand wird sagen, es gibt zu viel Medienjournalismus“ – Wie sich das „medium magazin“ als Digitalangebot neu erfindet Frederik von Castell

Chefredakteur Frederik von Castell erklärt, wie das „medium magazin“ künftig täglich recherchiert, Print weiterführt und das E‑Paper abschafft.

Berlin – „Wir mussten oft Themen vorbeiziehen lassen, bei denen ich mir gewünscht hätte, wir hätten mit unserem Angang da sein können“, sagt Frederik von Castell, seit Anfang 2024 Chefredakteur des „medium magazins“, das wie newsroom.de zum Medienfachverlag Oberauer gehört. Seit 40 Jahren begleitet das Magazin Medienschaffende in Deutschland – bisher vor allem als gedrucktes Heft. Print gibt es in reduzierter Form zwar auch weiterhin, doch künftig versteht sich das „medium magazin“ auch als Digitalangebot, das nun täglich investigative Recherchen, Praxistipps und neue Perspektiven auf den Journalismus veröffentlichen will. „Zu viel in unserer Branche bleibt, wenn überhaupt, oberflächlich besprochen“, sagt Frederik von Castell. Im Interview erzählt er auch, welche Rolle Print künftig noch spielt und warum es kein E‑Paper mehr gibt.

 

Das „medium magazin“ war bisher vor allem ein Printmagazin. Nun richtet Ihr Euch als Digital-Magazin neu aus. Damit seid Ihr nicht gerade ein „Early Adaptor“. Warum genau jetzt dieser Schritt?

Frederik von Castell: Zuallererst: Print lebt! Unser Magazin hat einen hohen Wert und bietet etwas, auf das wir stolz sein können: Wir machen Journalismus für Journalistinnen und Journalisten, für die Community. Das wollen wir auch bleiben. Aber als ich 2024 beim „medium magazin“ losgelegt habe, wussten wir auch alle: Wir wollen viel mehr sein. Es passt nicht mehr zu den Wünschen unserer Abonnentinnen und Abonnenten, zu unserem Anspruch als Redaktion, alle zwei, drei Monate zu erscheinen. Wir mussten oft Themen vorbeiziehen lassen, bei denen ich mir gewünscht hätte, wir hätten mit unserem Angang da sein können: Probleme nicht nur klar benennen, sondern helfen, Lösungen zu finden. Im Handwerk, im Umgang miteinander. Diese Lücke sehe ich im Medienjournalismus oft. Und wir wollen helfen, sie zu schließen.

 

Was wird anders und wie ändert sich dadurch Eure Arbeitsweise?

Wir sind und bleiben eine kleine, aber agile Redaktion, die von der Zusammenarbeit mit hervorragenden Autorinnen und Autoren aus der Branche lebt. Von Impulsen aus der Community, tief recherchierten Storys freier Journalistinnen und Journalisten, von Praxis-Tipps und Werkstatt-Einblicken mit und von denen, die Journalismus nicht nur gut, sondern besser machen wollen.

Klar ist das eine Umstellung: Jeden Tag zu sehen, wo wir uns einbringen wollen und müssen. Ich freue mich deshalb, dass wir ein super ausbalanciertes Team sind: Mit Olivia Samnick, die uns schon seit eineinhalb Jahren verstärkt, und Senta Krasser, die länger für das „medium magazin“ berichtet, als ich überhaupt im Beruf bin, packen wir das an. Weil wir uns alle gut kennen und eine gemeinsame Idee vom neuen „medium magazin“ haben, die auch Annette Milz als unsere Herausgeberin tatkräftig unterstützt, freuen wir uns, dass es nun losgeht. Und wenn nicht alles gleich funktioniert, greift mein Lieblingssatz: „Lob tut gut, Kritik bringt uns weiter.“

 

Was für Beiträge können wir erwarten? Hintergrundstücke? Nutzwertgeschichten? Oder wollt Ihr mit Euren Themen auch selbst Agenda-Setting betreiben?

Wir haben drei Säulen: Praxiswissen, fundierte Meinungen und exklusive Hintergrundrecherchen. Von der investigativen Recherche bis zum Feature mit praktischem Know-how geht unser ganzes Spektrum. Und bei Themen, von denen wir wissen: Das tut jetzt einigen weh, das knallt jetzt … Ja, die setzen wir bewusst, wenn es nötig wird. Das haben wir auch in den vergangenen Jahren gemacht, etwa beim Thema befristete Verträge für vor allem junge Frauen in der Branche. Das war und ist ein Skandal. Das nenne ich bewusst so.

 

Gleichzeitig sind wir immer auf der Suche nach neuen Perspektiven und konstruktiven Ideen für die Zukunft des Berufs, auch mit unseren Auszeichnungen: Mit den „Journalist:innen des Jahres“, den „Top 30 bis 30“ und den „Hidden Stars“ wollen wir weiter regelmäßig starke Zeichen für guten, vielseitigen und zukunftsweisenden Journalismus setzen.

 

Wie wollt Ihr Euch von anderen Online-Medienseiten unterscheiden?

Nennen wir die Kinder beim Namen. Ob unsere Angebote im Haus wie ihr bei turi2, „Kress Pro“, „Meedia“ oder andere Online-Medienseiten wie „Medieninsider“, „DWDL“, „Übermedien“ – dort habe ich ja selbst zuvor gearbeitet – oder die verbliebenen öffentlich-rechtlichen Formate und Medienredakteurinnen und -redakteure in den Verlagen: Niemand wird sagen, es gibt zu viel Medienjournalismus, im Gegenteil. Der Schmerz ist meiner Erfahrung nach überall: Es gibt nicht genug. Zu viel in unserer Branche bleibt, wenn überhaupt, oberflächlich besprochen.

 

Aber ganz unbescheiden würde ich sagen: Praxis und Handwerk, da haben wir mit unseren Formaten und Autorinnen und Autoren und nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit mit unserer „Journalisten-Werkstatt“ echten Mehrwert.

 

Ihr setzt auf ein Abo-Modell. Wie sieht das aus und wie ist die Mischung zwischen freien Artikeln und Beiträgen hinter der Paywall?

Journalismus kostet Geld, wir machen Journalismus für eine spezielle Zielgruppe. Deshalb werden die meisten Inhalte hinter der Paywall stehen. Ich bin dem Verlag aber sehr dankbar, dass wir großes Vertrauen in unsere Arbeit als Redaktion spüren und mit einem sehr fairen Angebot starten dürfen: Das Digital-Abo kostet im Jahrespreis 100 Euro, das sind keine zehn Euro im Monat. Für Studis und Volos sind es sogar nur 60 Euro, also 5 Euro im Monat umgerechnet. Wer das volle Paket mit dem gedruckten Heft haben möchte, liegt bei 150 Euro, 80 Euro sind es für den Nachwuchs.

 

Ein Print-Magazin gibt es auch weiterhin, es kommt aber nur noch viermal im Jahr. Ist das dann ein Best-of-ausgedrucktes-Internet, was vorher alles schon online stand?

Nein, natürlich nicht. Wir sind jetzt vor allem eine Redaktion, die unabhängig von Produktionsterminen Themen sucht, findet, vergibt und annimmt. Wir werden vier-, fünfmal mehr „medium magazin“-Artikel im Jahr haben als zuvor. Der größere Teil ist also online.

 

Die Print-Ausgaben fokussieren wir voll und ganz auf die Stärke, große Themen aus verschiedenen Perspektiven auszuleuchten. Wir wollen das auch noch stärker mit der „Journalisten-Werkstatt“ verknüpfen, so wie in der aktuellen Ausgabe: Alles dreht sich um den Umbruch, den die gesamte Branche gerade spürt. Und die „Werkstatt“ zu besserem Workflow mit KI geht genau da mit rein.

Ob eine Story dann vor dem Heft auch schon online läuft, entscheiden wir nach Kriterien wie Exklusivität und Aktualität. Da legen wir uns keine künstlichen Zwänge auf.

 

Ein E-Paper gibt es künftig gar nicht mehr. Warum?

Ja, auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Wir machen ein Print-Magazin, das einen hohen Anspruch hat. Und wir machen ein Online-Magazin, das einen genauso hohen Anspruch hat, aber andere formatspezifische Features erlaubt als ein Magazin mit festem Seitenaufbau. Das E-Paper hat dazwischen keinen Platz, keine Funktion, keinen Sinn. Niemand wird es vermissen.

 

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das „medium magazin“ wird seit Jahren viel mehr gelesen als gekauft. Unsere E-Paper-PDFs in Kombination mit Share-Funktionen und ein wenig Skrupellosigkeit des einen oder der anderen haben uns das Leben nicht leichter gemacht.

 

Kannst Du Dir für die Zukunft auch ein „medium magazin“ ohne gedrucktes Heft vorstellen?

Die Frage ist, ob ich das will. Ich bin als primär digital arbeitender Journalist hierher gekommen. Aber man muss es einfach lieben, so ein Magazin machen zu dürfen. Und solange andere Menschen es weiterhin lieben, das „medium magazin“ auch gedruckt zu lesen, stellt sich die Frage für mich nicht.

 

Interviewer und Interviewter kennen sich und duzen sich daher auch im Interview.



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