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Netzwerk Klimajournalismus startet medienkritisches Online-Angebot „Brandmelder“

Mit „Brandmelder“ will das Netzwerk die Klimaberichterstattung deutscher Medien systematisch analysieren. Redaktionsleiter Jürgen Döschner und Projektleiter David Schmidt erklären, welche Schwächen sie sehen – und wie Journalismus besser werden kann.

Bonn (KNA) Die Klimakrise bestimmt in zunehmendem Maße das Leben vieler Menschen weltweit. Wer deutsche Zeitungen aufschlägt oder deutsches Fernsehen einschaltet, bekommt davon aber vergleichsweise wenig mit. Das finden zumindest Jürgen Döschner und David Schmidt vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland.


Am 16. März startet das gemeinnützige Netzwerk mit „Brandmelder“ ein neues Format, das systematisch die Klimaberichterstattung in den deutschen Medien analysieren will. Im Interview sprechen Redaktionsleiter Döschner und Projektleiter Schmidt über ihre Ziele. Döschner war fast 40 Jahre lang Redakteur beim WDR, unter anderem für die Themen Energie und Klima. Schmidt ist freier Journalist und Mitglied der Geschäftsführung des Netzwerks Klimajournalismus.

 

Welche Schwerpunkte möchten Sie mit Ihrem neuen medienkritischen Format „Brandmelder“ setzen?

Jürgen Döschner: Wir setzen uns damit auseinander, was in den Medien zum Klimajournalismus falsch geframed, ohne Kontext erzählt oder überhaupt nicht berichtet wird – wobei wir den Blick immer auf die strukturellen Ursachen richten. Es geht uns nicht um Kritik an Einzelpersonen und schon gar nicht um Kritik an einzelnen Meinungen, sondern wir wollen bestimmte kontraproduktive Mechanismen aufzeigen, die immer wieder sichtbar werden – und somit dazu beitragen, dass der Klimajournalismus besser wird.

David Schmidt: Ich würde sogar sagen, es geht uns um den Journalismus an sich. Die Klimakrise berührt auch die Berichterstattung in der Wirtschaft, im Feuilleton und im Sport. Wir wollen dazu beitragen, dass diese Zusammenhänge in den jeweiligen Artikeln auch benannt werden – denn noch geschieht das viel zu selten.

 

Wie treffen Sie eine Auswahl für Ihre Medienkritik? Konzentrieren Sie sich auf bestimmte Bereiche der Berichterstattung?

Döschner: Wir bemühen uns, die Berichterstattung aller Medien im Auge zu behalten, was natürlich fast unmöglich ist. Da kann KI hilfreich sein. Außerdem können wir auf die Auswertungen der Initiative Klima vor acht e. V. zurückgreifen, die sich ja im Wesentlichen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt.

 

Konzentrieren Sie sich auf den deutschsprachigen Raum oder beschäftigen Sie sich auch mit internationaler Berichterstattung?

Schmidt: Wir konzentrieren uns auf deutschsprachigen Journalismus, aber nicht nur auf Journalismus, der den deutschsprachigen Raum behandelt. Das heißt, wir blicken auch darauf, wie die internationale Berichterstattung deutscher Medien unter Klimaaspekten funktioniert und welche Lücken es da gibt.

 

Welche Zielgruppe wollen Sie erreichen?

Döschner: Nicht nur Medien und Journalistinnen, sondern auch die Endnutzerinnen und Endnutzer der Medien. Sie sind letztlich die Hauptbetroffenen, wenn fehlerhaft berichtet oder ein Framing bedient wird, das nicht den Realitäten entspricht. Die dritte Zielgruppe ist die Wissenschaft, die ja auch darauf angewiesen ist, dass ihre Informationen korrekt an das Publikum weitergegeben werden. Wenn Medien an dem Punkt ihren Job nicht richtig machen, dann betrifft das natürlich auch die Arbeit der Wissenschaftler und deren Kommunikation.

 

Können Sie Beispiele für signifikante Schwächen in der Klimaberichterstattung nennen?

Döschner: Unser Motto lautet: Klima braucht Kontext. Ein Phänomen ist aber, dass zum Beispiel bei Berichten über Extremwetterereignisse der mögliche Kontext oft weggelassen wird. Man muss in eine Nachricht ja nur einen einzigen Satz einbauen, in dem erwähnt wird, dass die Wissenschaft darauf hinweist oder davon ausgeht, dass solche Ereignisse durch die Erderhitzung häufiger und in größerer Intensität vorkommen. Wenn dieser Kontext immer wieder hergestellt wird, bekommt die Erderhitzung für die Menschen dann die angemessene Bedeutung. Wenn man es hingegen immer wieder unterlässt, den Kontext herzustellen, fehlt den Menschen auch das Bewusstsein für diese Problematik.


Ein ähnliches Problem scheinen mir Überschriften wie „Erderwärmung hat sich laut Studie deutlich beschleunigt“ zu sein. Da wird die Erderhitzung zu einem Prozess ohne Akteur.

Döschner: Das ist im Grunde genommen Dekontextualisierung. Man verschweigt oder nennt nicht den Zusammenhang zwischen unserem Tun und der Erderhitzung. Schließlich sind wir es – ob als Gesellschaft oder als einzelne Menschen oder als Teil der Politik –, die die Erde immer schneller und immer weiter erhitzen. Aber diese Dekontextualisierung ist auch auf anderen Ebenen ein Problem. Beispielsweise, wenn es darum geht, zu benennen, wer denn eigentlich die Akteure sind, die darauf drängen, dass beispielsweise das sogenannte Heizungsgesetz nicht in der bisherigen Form weiter besteht. Da gibt es ja politische und wirtschaftliche Kräfte, die eine große Rolle gespielt haben – schon bei der Bekämpfung der ursprünglichen Fassung und jetzt auch bei der Planung der neuen. Solche Phänomene versuchen wir möglichst anschaulich aufzuzeigen, bewusst zu machen, um besseres journalistisches Handeln zu ermöglichen. Ein anderes Beispiel ist die Beeinflussung von Journalistinnen und Journalisten durch Kräfte, die so nicht sichtbar sind. Also beispielsweise PR-Agenturen, die im Hintergrund Kampagnen machen, die dafür sorgen, dass bestimmte Worte und Narrative immer wieder wiederholt werden und sich dann so verfestigen, dass sie auch in den Sprachgebrauch der Medien übergehen.

Schmidt: Die Beispiele, die Jürgen genannt hat, zeigen aber auch, dass den Kolleginnen verdammt viel abverlangt wird. Zumal dann, wenn Personalmangel herrscht. Wir verstehen uns daher nicht nur als Kritiker von Journalismus, sondern vor allem als Sparringspartner, der den Kolleginnen dabei hilft, sich weiterzubilden und bessere, qualitativ hochwertigere Berichterstattung zu liefern.

Döschner: In gewisser Weise ist der „Brandmelder“ das Pendant zum Deutschen Preis für Klimajournalismus, den wir mit dem Netzwerk Klimajournalismus 2024 zum ersten Mal vergeben haben. Mit dem Preis würdigen wir positive Beispiele, mit dem „Brandmelder“ analysieren wir, was schiefläuft.


Können Sie einen konkreten Vorgeschmack geben auf die Beiträge, die zum Start am 16. März erscheinen werden?

Döschner: Sozusagen als Aufmachergeschichte haben wir uns ein Interview vorgenommen, das in den „Tagesthemen“ mit dem relativ bekannten Energieökonom Lion Hirth zur geplanten Streichung der Förderung von Solaranlagen durch das Wirtschaftsministerium lief. Er ist als Wissenschaftler bei der Hertie School Berlin tätig, und als der wurde er auch vorgestellt. Man hat aber unterlassen, zu erwähnen, dass er auch Unternehmer ist – und in dieser Funktion große Projekte des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie betreut hat. Das heißt, Hirth sollte die umstrittenen Pläne eines Ministeriums einordnen, das sein Hauptauftraggeber ist. Es kommt leider häufig vor, dass bei solchen Interviews mögliche Abhängigkeiten oder auch Interessenkonflikte nicht benannt werden.

Schmidt: In der Rubrik Good Practices machen wir einen Aufschlag mit einem Stück über gute Klimainformationen im Newsletter-Bereich. Außerdem blicken wir auf den 25. März voraus. Das ist der Stichtag, an dem die Bundesregierung ein überarbeitetes Klimaschutzprogramm vorlegen muss. Für diesen Anlass geben wir Journalistinnen Berichterstattungs-Tipps – zum Beispiel fürs Führen von Interviews. Das spricht aber auch informierte Leserinnen, zum Beispiel aus der Zivilgesellschaft, oder einfach Menschen an, die sich in der Thematik mehr Durchblick wünschen.


Ist mittelfristig angestrebt, Autoren zu bezahlen?

Schmidt: Ja, mittelfristig ist das angestrebt. Im Augenblick wird das Projekt noch durch Vereinsrücklagen getragen. Wir planen aber, bald Fördermitgliedsmodelle einzuführen. Einnahmequellen könnten auch Dienstleistungen für Hochschulen und Institute sein.

Döschner: Für die Vergabe des Deutschen Preis für Klimajournalismus in diesem Jahr haben wir gerade 30.000 Euro an Spenden eingesammelt. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch den „Brandmelder“ auf solide Füße stellen können.


Welche Entwicklungen haben Sie bei den Einreichungen für den Preis beobachtet?

Döschner: Wir haben seit mindestens zwei Jahren mindestens sehr schwierige Zeiten für alle, die sich in Sachen Klimakrise engagieren oder überhaupt etwas tun gegen die Erderhitzung. Ob das Wissenschaftlerinnen sind oder Politikerinnen. Und das trifft natürlich auch uns Journalistinnen und Journalisten. Dass wir das als Preisstifter zu spüren bekommen würden, war klar. Das heißt, die Zahl der Einreichungen ist zurückgegangen.


Trotz all der Kritik an Klimajournalismus, über die wir jetzt schon gesprochen haben, gibt es ja zahlreiche herausragende Beiträge, die zum Beispiel im letzten Jahr beim Deutschen Preis für Klimajournalismus prämiert wurden. Einen Fachkräftemangel scheint es jedenfalls nicht zu geben. Die Gründe für die Schwächen des Klimajournalismus sind also offenbar eher auf der Ebene der Entscheiderinnen und Entscheider zu suchen.

Döschner: Stimmt, es gibt eher einen Führungsfachkräftemangel.


Und wie kann man dazu beitragen, dass sich die Einstellungen der Entscheiderinnen und Entscheider zum Thema Klima verändert?

Schmidt: Das ist eine sehr große Frage.

Döschner: Idealistisch gesprochen kann man das erreichen, indem man Professionalität in Sendern und Redaktionen insgesamt fördert. Ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass in vielen Redaktionen die Klimaberichterstattung heruntergefahren wurde, vorrangig mit den Einstellungen zum Thema zu tun hat. Die Bedeutung eines Themas für sein Publikum zu erkennen und mit einer professionellen Sachlichkeit und einer daraus vielleicht erwachsenen Deutlichkeit und Häufigkeit dieses Thema in seinem Medium anzusprechen, ist eine Frage von Professionalität. Die Bedeutung der Klimakrise nicht zu erkennen und nicht in der Berichterstattung entsprechend zu berücksichtigen, ist schlicht unprofessionell.

 

 

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