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Newsroom – Antje Plaikner

Konstruktiver Journalismus in der Praxis: So hält die „Siegener Zeitung“ Abonnenten und motiviert Redakteure

Konstruktiver Journalismus in der Praxis: So hält die „Siegener Zeitung“ Abonnenten und motiviert Redakteure Tim Plachner (Foto: Tami Donath)

Tim Plachner, Leiter der Lokalredaktion, zeigt im aktuellen „kress-pro-Dossier“, wie lösungsorientierte Berichterstattung Abonnenten bindet, Redaktionen motiviert und Nachrichtenmüdigkeit entgegenwirkt.

Berlin – Wie die „Siegener Zeitung“ Nachrichtenmüdigkeit bekämpft und Abonnenten hält, zeigt das aktuelle „kress-pro-Dossier“ „Konstruktiver Journalismus“:

 

1. Journalistischer Mehrwert als Ziel
Tim Plachner leitet die Lokalredaktion der „Siegener Zeitung“ und zählt auch zur Chefredaktion. Die Notwendigkeit, konstruktiven oder lösungsorientierten Journalismus einzuführen, sieht er als zwingend und dringend an. „Es reicht nicht mehr, ein Problem zu beschreiben.“ Außerdem sei ein vorläufiger Höchststand an Abos erreicht, nun gelte es, diese zu behalten, und das sei nur mit journalistischem Mehrwert statt bloßer Problemberichterstattung möglich. „Unser Ziel war, die Redaktion dazu zu befähigen, diese Art von Journalismus zu betreiben. Das funktioniert nicht von heute auf morgen, dazu braucht es einen Ansatz, um das Wissen ins Team zu tragen.“

 

2. Das Team
Die „Siegener Zeitung“ erscheint in einem Verbreitungsgebiet, in dem rund 540.000 Leute leben, kommt gedruckt noch auf eine Auflage von rund 35.000 Exemplaren (IVW 4/2025) und produziert multimedial. Die Bandbreite reicht von Print, Website, App bis Newsletter und Podcast, zudem kooperiert das Haus mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Kernredaktion und Verlagssitz sind in Siegen, das mit über 100.000 Einwohnern das Zentrum des Verbreitungsgebiets ist. Von den insgesamt 40 Redakteuren und Redakteurinnen arbeiten 25 im Lokalen. Newsdesk oder Lokalsport sind hier nicht eingerechnet. Kleinere Außenredaktionen gibt es im Kreis Altenkirchen und in Wittgenstein, und man arbeitet in Thementeams.

Zum Trio, das am Programm „B° Local“ teilnahm, zählt neben Plachner eine Kollegin des Newsdesk und eine Kollegin, die als Themenmanagerin arbeitet. Diese Zusammensetzung hat sich allerdings nicht bewährt. Um konstruktiven Journalismus systematisch umzusetzen, sei es besser, Schreibende mit dem Thema vertraut zu machen, statt Kollegen am Newsdesk darin zu schulen, hat man in Siegen gelernt.

 

3. Schnelle Umsetzung
Plachner bevorzugt den Ansatz, sofort in die Praxis zu starten und das „Playbook“ als Toolbox für den redaktionellen Alltag einzusetzen. So kann die tägliche Matrix aus Thema/Problem, Lösung, Evidenz und Übertragbarkeit parallel zum Programmfortschritt des Teilnahme-Teams trainiert werden. Wichtig sei, den Tatendrang zu fördern und nicht zu bremsen.

 

Plachner arbeitet pragmatisch, denn nicht jeder Artikel umfasst alle Kriterien des konstruktiven Journalismus. So produzierte die „Siegener Zeitung“ nach eigenen Angaben im Programmzeitraum acht Artikel nach strengen Vorgaben und ein Dutzend, wenn das Konstruktive „weiter gefasst wird“, wie es Plachner beschreibt.

 

Die schnelle Integration sei schon deshalb empfehlenswert, weil während des Programmzeitraums Redaktionskollegen neugierig geworden sind und konstruktiver Journalismus laut Plachner bereits „in die gesamte Redaktion eingesickert“ ist. Diese Durchdringung auf informeller Basis zieht schon vor der offiziell angesagten Schulung und Implementierung in der Lokalredaktion mögliche Multiplikatoren in der Redaktion an. Das bedeutet wiederum, dass das konstruktive Mindset bereits mitgedacht wird, weil über zehn Monate hinweg informeller Austausch erfolgte.

 

4. Schulung in kleinen Gruppen
Im ersten Quartal 2026 übernahm das „B° Local“-Team, das am Programm teilgenommen hat, die Inhouse-Schulung. Nach dem Abschluss-Workshop überlegte sich das Team, ob es inhouse eine spezialisierte, aber generell verantwortliche Gruppe für lösungsorientierten Journalismus schulen sollte, gewissermaßen als Scharnier oder Zwischenstufe.

 

Aber Plachner kam zu einer anderen Schlussfolgerung: „Wir brauchen kein spezialisiertes Team, denn eigentlich muss jedes Thementeam diesen konstruktiven Gedanken mitdenken. Außerdem war das Mindset bereits gut verankert, und der Umkehrschluss wäre ja, wenn ich ein rein konstruktives Team von drei bis vier Kollegen aufstelle, müssten sich diese wieder in alle anderen Themen reinarbeiten.“

Stattdessen übernehmen Plachner und die Kollegin vom Newsdesk den Wissenstransfer, indem sie die Themen- und Regio-Teams untereinander aufteilen und Theorie, aber vor allem Praxis vermitteln. Dazu wurden die Toolbox und das „Playbook“ online freigeschaltet. Plachner: „Wir schulen die Teams in kleinen Blöcken und überprüfen alle vier Wochen, ob der konstruktive Ansatz weiterverfolgt wird.“ Das konstruktive Mindset soll auf diese Art in der Gesamtredaktion verbreitet und automatisch mitgedacht werden.

 

5. Daten selbst erheben
Die „Siegener Zeitung“ misst die Performance mit eigenen Analytic-Tools, zunächst nutzte sie auch das Tool des Start-ups Uniten. Allerdings zeigte die redaktionelle Praxis, dass die eigenen Tools bevorzugt genutzt wurden und werden. „Das hängt vermutlich damit zusammen, dass man mit den internen Tools täglich arbeitet und damit viel vertrauter ist“, sagt Plachner.

 

Zudem gab es Unterschiede zu den eigenen Analytic-Tools (Chartbeat und Editorial Data Insights des RND), was Zugriffszahlen und Lesedauer betrifft und inkludierte nicht die App-Nutzung. Die App-Nutzung sei aber wichtig: „Etwa 80 Prozent unserer User kommen über das mobile Device.“

 

6. Konstruktives pragmatisch erfassen
Die Siegener haben nicht nur Artikel gemessen, die sich strikt an die Programm-Vorgaben hielten, sondern auch Beiträge einbezogen, die konstruktive Ansätze beinhalteten, etwa indem sie Lösungsansätze und Perspektiven herausgearbeitet haben.

Zur ganzen Analyse

 

  • Mehrwert fürs Publikum. Konstruktiver Journalismus kann Redaktionen helfen, Menschen enger an sich zu binden und neue User zu gewinnen
  • Mehr Lesedauer bei Artikeln. Wie die „Neue Westfälische“ auf konstruktiven Journalismus setzt und so bessere Lesequoten erzielt
  • Lösungen zeigen Wirkung vor Ort. Wie die „Siegener Zeitung“ Nachrichtenmüdigkeit bekämpft und Abonnenten hält
  • Mehr Reichweite, mehr Relevanz. Wie der „Nordschleswiger“ seine Zielgruppe durch konstruktiven Journalismus besser erreicht

 

 

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