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Journalist sieht mehr Meinungsfreiheit in Ungarn als in Deutschland

Boris Kálnoky, ehemaliger Korrespondent von „Welt“ und „Presse“ und heute Journalistenausbilder am Budapester Mathias Corvinus Collegium, hält Ungarns Medienlandschaft für pluralistischer als oft dargestellt.

Budapest/Wien – In einem Interview mit dem „Standard“ von Elisabeth Bauer und  Simon Kravagna verteidigte Boris Kálnoky die ungarische Medienpolitik und kritisierte die westliche Wahrnehmung seines Landes. Der frühere Korrespondent betont, dass regierungskritische Medien vor allem online und in den sozialen Netzwerken stark präsent seien. „Im Internet dominieren regierungskritische Medien und das ist der Bereich, der den größten Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs hat“, sagte Kálnoky. Laut ihm seien heute mehr kritische Medien aktiv als zu Beginn der Amtszeit von Viktor Orbán 2010, und ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung sei messbar größer als der der regierungsnahen traditionellen Medien.

 

Kálnoky beschreibt die von Orbán propagierte „illiberale Demokratie“ als funktionierendes demokratisches Modell, das konservative Werte betone, aber politische Stabilität garantiere. Er vertritt die Auffassung, dass Meinungsfreiheit in Ungarn nicht eingeschränkt sei – teils sogar weniger als in Deutschland. Kritik an der Regierung könne geäußert werden, und niemand müsse Repressalien fürchten. Einschränkungen betreffen nach Kálnoky vor allem die öffentliche Darstellung von Sexualität in Anwesenheit von Minderjährigen, nicht die politische Berichterstattung.

 

Gleichzeitig übt Kálnoky scharfe Kritik an westlichen Medien. Viele Redaktionen in Deutschland und Österreich seien stark städtisch-liberal geprägt und unterschätzten die gesellschaftliche Realität Ungarns. Der Fokus liege oft auf angeblichen Einschränkungen der Meinungsfreiheit, während die tatsächliche digitale Vielfalt regierungskritischer Stimmen kaum berücksichtigt werde. Zugleich stellt Kálnoky fest, dass die wirtschaftlichen Mechanismen von Medien sich zunehmend über digitale Reichweite und Nutzerengagement definierten – ein Trend, den auch westliche Medienhäuser erkennen müssten.

 

Für Kálnoky ist Journalismus nicht nur Beruf, sondern Teil gesellschaftlicher Verantwortung: Junge Journalisten sollten sich nicht nur auf Meinungsbildung beschränken, sondern die reale Lebenswelt erkunden. Die bevorstehende Parlamentswahl am 12. April werde entscheidend dafür sein, ob Ungarn den Kurs der bisherigen Regierung fortsetzt oder sich stärker an EU-Standards angleicht.

 

 

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