Vermischtes
Newsroom – Marc Bartl

Geteilte Urteile zur neuen „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“

Geteilte Urteile zur neuen „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ Holger Friedrich (Foto: APA-Images / dpa / Sebastian Kahnert)

Zum Start der Zeitung reichen die Reaktionen von grundsätzlicher Anerkennung bis zu deutlicher Kritik an publizistischer Linie und Perspektivenvielfalt.

Berlin – In seinem Kommentar zum Start der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ) beschreibt Arno Frank im „Spiegel“ das Projekt von Verleger Holger Friedrich als publizistisch interessantes, aber widersprüchliches Experiment. Die Zeitung trete mit dem Anspruch an, eine ostdeutsche Perspektive in den gesamtdeutschen Diskurs einzubringen, lese sich für Frank jedoch „wie ein Blatt, das Widerspruch als Störgeräusch behandelt“.

 

Ein praktischer Widerspruch zeigt sich laut Artikel bereits beim Vertrieb: Trotz gesamtdeutschem Anspruch sei die OAZ im Westen zum Start kaum erhältlich. Zugleich würdigt Frank die bloße Existenz einer neuen Zeitung als bemerkenswert und teilweise überfällig — „Alles da, alles Osten“ beschreibt dabei die konsequente ostdeutsche Perspektive und Struktur des Blattes.

 

Gestaltung und Umfang der ersten Ausgabe bewertet der Autor als „wertig“, textlastig und klassisch gemacht. Inhaltlich erkennt er jedoch eine relativ homogene publizistische Linie: Die OAZ inszeniere ostdeutsche Identität stark und wirke stellenweise wie ein „Safe Space“ für eine bestimmte Ost-Erzählung, in dem kritische Reibung weniger sichtbar sei.

 

Frank ordnet das Projekt deshalb eher als Zeitung mit klarer publizistischer Handschrift aus dem Umfeld Friedrichs ein als als breite Plattform für vielfältige Perspektiven. Ob dieses identitätspublizistische Angebot Erfolg hat, sei offen — „am Ende wird ohnehin der Markt entscheiden“.

 

Christian Bangel bewertet in seinem Kommentar in der „Zeit“ den Start der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ) zunächst vor dem Hintergrund realer struktureller Probleme: Ostdeutschland leide seit Jahren unter mangelnder Pressevielfalt, sinkenden Auflagen und ausgedünnter lokaler Berichterstattung. Deshalb sei es grundsätzlich „eine ziemlich gute Idee“, in Journalismus im Osten zu investieren — „Dem Osten, vor allem dem abgelegenen, fehlt Pressevielfalt, schon lange.“

 

Gleichzeitig sieht Bangel in der ersten Ausgabe wenig publizistische Erneuerung. Titelmotiv und Tonfall — etwa der Slogan „Vorsicht, Freiheit“ — wirkten wie bekannte Narrative aus rechtslibertären Debatten. Viele Beiträge bewegten sich in Argumentationslinien, die man „seit Jahren immer wieder“ in bestimmten medialen und politischen Milieus lese.

 

Kritisch bewertet der Autor vor allem die fehlende Perspektivenvielfalt. Stattdessen erkenne er einen wiederkehrenden Deutungsrahmen, den er Holger Friedrich zuschreibt: Der Ostdeutsche erscheine politisch kompetenter, von Cancel Culture bedroht, russlandoffener und skeptisch gegenüber der „Brandmauer“. Das sei keine Dekonstruktion von Stereotypen, sondern „das genaue Gegenteil“. Prägend sei zudem die Formel: „Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft. Ostdeutsch ist eine Haltung.“

Besonders schwer wiegt für Bangel, was aus seiner Sicht fehlt: Rechtsextremismus und rechte Strukturen im Osten kämen „so gut wie“ nicht vor, während etwa das Porträt von AfD-Chef Tino Chrupalla „geradezu schwärmerisch“ wirke. Sollte sich diese Linie fortsetzen, wäre die OAZ „vor allem eins: ein Rückschritt für die ostdeutsche Öffentlichkeit“.

 

In seinem Kommentar „Jetzt kommt die Revanche für 1989“ ordnet Simon Strauß in der FAZ die Gründung der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ) als medienhistorisch bemerkenswerten Moment ein. Parallel zur Jubiläumsausgabe der „Zeit“ erscheine ein neues Blatt, das bewusst eine ostdeutsche Perspektive in den Mittelpunkt stelle. Die OAZ verstehe sich als Medium, das „aus dem Osten heraus ostdeutsche Perspektiven in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten“ tragen wolle — und sei zugleich sichtbar ein persönliches Projekt Holger Friedrichs.

 

Strauß liest die Zeitung als Ausdruck eines bestimmten Zeitgestus: Während westdeutsche Medien ein selbstzufriedenes Deutschland erzählten, kultiviere die OAZ eine Perspektive des Widerstands. Wiederkehrende Formeln wie „Die Erfahrungen aus Ostdeutschland helfen, Wandel realistisch zu verstehen“ deuteten auf die Hoffnung der Macher, Ostdeutschland politisch als Zukunftserfahrung zu positionieren, nicht nur als Vergangenheit.

 

Kritisch sieht der Autor jedoch, dass sich diese ostdeutsche Perspektive häufig in einem Gestus der Kränkung und Gegenwehr ausdrücke. Die Bundesrepublik werde teilweise als Einschränkungs- und Zensurraum beschrieben, Vergleiche — etwa zwischen heutigen politischen Übergängen und der Wendezeit — verstärkten den Eindruck, die Zeitung schreibe aus einer Logik der Konfrontation. Viele Texte wirkten, als erzählten sie von boykottierten Stimmen und bedrohten Meinungen, obwohl sich das Blatt zugleich von „Opfernarrativen“ distanzieren wolle.

 

Strauß deutet die OAZ deshalb als Projekt, das stark von der Idee geprägt sei, ostdeutsche Erfahrung als Antwort auf westdeutsche Respektlosigkeit zu inszenieren. Holger Friedrichs Aussage, „systematische Kränkungen führen zur Bereitschaft, in den Konflikt zu gehen“, mache die Gründung für ihn zu einem publizistischen Akt der „Revanche“. Während westdeutsche Medien den Rückblick auf Wohlstand pflegten, erscheine die OAZ als Gegenentwurf, der eine „Ost-Wende“ erwarte — und damit die Frage offenlasse, „wer noch für das Allgemeine schreibt“.

 

In seiner Rezension bei T-Online findet Volker Lilienthal den Start der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ) grundsätzlich begrüßenswert, weil Pressefreiheit von Vielfalt lebe und „eine starke, differenzierende und plausibel argumentierende Stimme aus dem Osten dem gesamtdeutschen Diskurs guttäte“. Die Erstausgabe wirke formal solide — modernes Layout, klassische Wochenzeitung — doch schon die Titelzeile „VORSICHT, FREIHEIT“ signalisiere einen alarmistischen Grundton.

 

Inhaltlich kritisiert Lilienthal vor allem mangelnde Differenzierung. Wer in der OAZ differenzierte Argumentation suche, werde „erst mal enttäuscht“, zentrale Thesen beruhten häufig auf schwacher empirischer Basis. Beispielhaft nennt er Beiträge zur Bundespressekonferenz oder Interviews, bei denen zugespitzte Aussagen — etwa eine Mord-Andeutung — zur Überschrift gemacht würden; das erinnere eher an Clickbaiting als an professionelle journalistische Gewichtung.

 

Zweifel äußert der Medienexperte auch am publizistischen Selbstverständnis der Zeitung. Das Mission Statement enthalte viel Programmatik („Wir erklären, bevor wir bewerten“, „Wir schreiben nicht, um zu polarisieren“), lasse aber den klassischen Anspruch vermissen, Information klar von Kommentar zu trennen. Insgesamt wirke das Projekt teilweise wie eine „Kopfgeburt“ und möglicherweise ein Fall von Selbstüberforderung.

 

Besonders kritisch bewertet Lilienthal politische Akzente der ersten Ausgabe. Das Porträt von AfD-Chef Tino Chrupalla erscheine „eine politische Sympathiewerbung sondergleichen“, kritische Distanz fehle. Auch geopolitische Beiträge zeigten eine erkennbare Linie, etwa durch wiederholte Forderungen: „Wir müssen mit Russland reden.“ Insgesamt bleibe Zweifel, ob der Anspruch eingelöst werde, „keine vorgefertigten Erzählungen“ zu liefern — bislang habe man „zu viel Framing gelesen“.

 

 

Sie möchten aktuelle Medien-News, Storys und Praxistipps lesen – und sich über Jobs, Top-Personalien und Journalistenpreise aus Deutschland informieren? Dann abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter.

 

Sie haben Personalien in eigener Sache oder aus Ihrem Medienhaus? Oder ist Ihnen in unseren Texten etwas aufgefallen, zu dem Sie sich mit uns austauschen möchten? Dann senden Sie Ihre Hinweise bitte an georg.taitl@oberauer.com.