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„Der gefährlichste Mann Deutschlands“: Die Branche zerlegt das „Spiegel“-Cover

„Der gefährlichste Mann Deutschlands“: Die Branche zerlegt das „Spiegel“-Cover EX-„Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer (Foto: IMAGO / STAR-MEDIA)

Von „Wahlkampfunterstützung“ bis „journalistischem Offenbarungseid“ reichen die Vorwürfe – doch Ex-„Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer verteidigt das Magazin zumindest teilweise. Was Poschardt, Encke, Marguier, Steingart und ein KI-Leserbrief über das umstrittene Cover sagen.

Berlin –  Das umstrittene „Spiegel“-Cover mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund sorgt weiter für Diskussionen in der Medienbranche. Während der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer Titel und Debatte differenzierter bewertet, kritisiert Peter „Bulo“ Böhling auf turi2 die Inszenierung als unfreiwillige Wahlkampfhilfe.

 

Klaus Brinkbäumer äußert sich in seinem News-Podcast „Land in Sicht“ zur Debatte um das AfD-Cover des „Spiegel“ mit einer Mischung aus Kritik und Verständnis. Für ihn mache der Superlativ „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ den Fehler, Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hervorzuheben und einen „Coolness-Faktor“ zu geben, der „heikel“ sei. Er habe aber auch „ein bisschen mit dem Spiegel gelitten, weil die Kritik an vielen Stellen auch scheinheilig ist“. Die „Wutwelle“ lasse „außer Acht, dass der „Spiegel“ als journalistisches Medium Dinge benennen muss“.

 

Einleitend sagt Brinkbäumer auch, dass ihm das Thema „ein bisschen unangenehm“ sei und er „normalerweise“ nicht über den „Spiegel“ rede. Ex-Chefredakteur Stefan Aust sorge „immer wieder für Erstaunen“, weil er „oft darüber redet, was Nachfolger gut oder vor allem weniger gut machen“. Brinkbäumer selbst habe sich eigentlich vorgenommen, nicht über die Qualität von Texten oder Titeln des Nachrichtenmagazins zu sprechen.

 

Bulo: „Spiegel“ macht Siegmund zum Helden

Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter „Bulo“ Böhling lässt sich von seinem KI-Alter-Ego, dem Bulobot, einen Leserbrief zur Kontroverse um das „Spiegel“-Cover formulieren. Das Magazin habe Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund „das geschenkt, wovon jeder Wahlkämpfer träumt – ein Märtyrerbild“. Es präsentiere Siegmund „wie den Hauptdarsteller einer Netflix-Serie“ und die Verantwortlichen dürften sich nicht wundern, „wenn die Leute das Drehbuch kaufen wollen“. Womit der „Spiegel“ besser gefahren wäre, „statt den Helden zu küren“.

 

Poschardt, Encke, Marguier, Steingart: Weitere Reaktionen

Der ehemalige „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt (Axel Springer) bezeichnet das Cover in einem Interview bei „Welt“ als „journalistischen Offenbarungseid“. Nichts in der Titelgeschichte deute an, dass Siegmund gefährlicher sei als andere Politiker aus AfD oder Linkspartei; als Beleg für die behauptete Gefährlichkeit finde sich im Heft lediglich ein Absatz zu wahlprogrammatischen Positionen wie einer „patriotischen Kulturpolitik“. Poschardt zieht einen Vergleich zum früheren „gefährlichste Frau Europas“-Cover des „Stern“ über Giorgia Meloni, mit der inzwischen auf höchster internationaler Ebene verhandelt werde. Solche Zuspitzungen nützten seiner Einschätzung nach eher der AfD, als dass sie ihr schadeten. Als Beleg verweist er auf ein Video, in dem Siegmund das Cover signiert. Für die Partei sei das ein „Verkaufserfolg“. Poschardt kündigt zudem an, recherchieren zu wollen, ob die AfD gekaufte „Spiegel“-Exemplare als Werbungskosten absetzen könne. Klassische Medien verlören ohnehin an Relevanz gegenüber Podcast-Formaten, so seine grundsätzliche Einschätzung.

 

Willi Winkler („Süddeutsche Zeitung“) beschreibt in einer bissig-ironischen Kolumne eine klassische „Bild-Text-Schere“: Das freundliche, „supersympathisch“ wirkende Porträtfoto passe nicht zur bedrohlichen Titelzeile. Er nennt dabei Kurbjuweit als mutmaßlichen Urheber der Zeile sowie Bildchef Maxim Sergienko als Verantwortlichen für die Fotoauswahl. Zugespitzt formuliert er, das Heft mache aus einem als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften Politiker durch die sympathische Bildsprache im Effekt einen ansprechenden Menschen. Sein polemisches Fazit lautet, es handle sich um „Faschismus mit menschlichem Antlitz“.

 

Julia Encke (FAZ) sieht in ihrem Kommentar das Risiko, dass das Cover „nach hinten losgehen“ könnte. Die Titelgeschichte selbst liefere durchaus rechercheschwere Fakten. Die Fahndungsplakat-Optik mache Siegmund aber vor allem zum „Posterboy mit dem Ruch des Gefährlichen“. Encke zitiert dazu Siegmunds eigene Reaktion laut „Welt“: Er habe das Cover als „riesengroßen Ritterschlag“ bezeichnet. Für Wähler, die die Titelgeschichte nicht läsen, könne der Titel wie ein Werbeplakat wirken.

 

Alexander Marguier („Cicero“) übt scharfe Kritik und wertet das Cover als „erstklassige Wahlkampfunterstützung für die AfD“. Die Titelgeschichte liefere keine „skandalträchtigen Enthüllungen“. Marguier verweist zudem auf die massenhafte Verballhornung des Covers in sozialen Medien und bezeichnet Kurbjuweits Stellungnahme als „läppisch“.

 

Gabor Steingart (The Pioneer) ordnet in seinem Morning Briefing das Cover in eine grundsätzliche Medienkritik ein: Mit Verweis auf Rudolf Augsteins Leitmotiv „Sagen, was ist“ sowie den Ökonomen James T. Hamilton wirft er „Spiegel“ und „Stern“ vor, seit Jahren mit übertriebenen Cover-Zuspitzungen zu arbeiten – etwa beim früheren „gefährlichste Frau Europas“-Cover über Meloni, das sich rückblickend als überzogen erwiesen habe. Der eigentliche Siegmund-Artikel sei inhaltsarm, der „markanteste Vorwurf“ betreffe lediglich Siegmunds Umfeld. Als Analogie zieht Steingart den Fox-News/Dominion-Rechtsstreit heran und kommt zu dem scharfen Fazit, der Spiegel sei „auf dem Weg, ein linkes Fox News zu werden“.

Ganze Zusammenfassung auf kress.de

 

 

 

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