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Der bessere Kollege ist eine Maschine

Der bessere Kollege ist eine Maschine Markus Wiegand (Foto: Medienfachverlag Oberauer)

KI kann Kommentare im persönlichen Stil schreiben – und trifft Haltung und Ton oft verblüffend genau. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand erklärt, warum das für Journalisten erst der Anfang ist – und weshalb die eigentliche Herausforderung viel unbequemer wird.

Berlin – Journalisten lassen sich längst digital klonen – und KI kann Texte im eigenen Stil schreiben. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand beschreibt, warum die Transformation trotzdem mühsam bleibt – und was das für den Berufsalltag bedeutet:

 

Kürzlich erzählte mir ein KI-Profi etwas Verblüffendes: Er hat ein System auf seinem Rechner installiert, das es autonomen KI-Agenten ermöglicht, mithilfe verschiedener KI-Anbieter Aufgaben zu erledigen. Um das Ganze zu testen, beauftragte er die Maschine, einen Kommentar zu einem aktuellen wirtschaftspolitischen Thema zu verfassen – mit seiner Meinung und in seinem Tonfall. „Der Kommentar war besser, als wenn ich ihn selbst geschrieben hätte“, sagte der KI-Nerd. Der KI-Agent traf seine Haltung eins zu eins, der Stil passte perfekt.

 

Was bedeutet das? In nicht allzu ferner Zukunft, so folgerte der KI-Kenner, werden Journalisten eine Art KI-Avatar haben, der das Schreiben übernimmt. Dieser KI-Avatar wird speziell trainiert und zum Abbild der beruflichen Persönlichkeit. Wenn man einer KI den Zugriff auf alles erlaubt, was man privat und beruflich schreibt, ist es wenig erstaunlich, dass sie dem menschlichen Vorbild sehr nahekommt.

 

Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, dass dieser Wiegand langsam in Science-Fiction abdriftet. Aber wenn man die KI-Entwicklung zu Ende denkt, werden Journalistinnen und Journalisten künftig nur noch in Ausnahmefällen selbst die aufwendige Textarbeit übernehmen, wie wir sie heute kennen.

 

Die Entwicklung hat bereits begonnen. Kurze Texte wie Überschriften, Teaser oder Bildzeilen sind heute schon mehrheitlich KI-generiert. Unsere Rolle ändert sich mehr und mehr: Wir werden von Handwerkern zu Maschinenführern. Nur einige wenige werden es künftig wohl schaffen, so etwas wie publizistisches Kunsthandwerk zu verkaufen, das das stolze Label „Mensch gemacht“ trägt.

 

Ein guter Vorsatz

Was bisher noch zu selten offen ausgesprochen wird: Die Transformation ins KI-Zeitalter wird verdammt anstrengend – gerade für Journalistinnen und Journalisten, die dazu neigen, Technologie eher als lästiges Randthema zu behandeln.

 

Auch ich tue mich schwer damit. Dabei bin ich eigentlich absolut technologieoffen: Ich bin friedlich und gut gelaunt, wenn alles funktioniert. Aber ich werde absolut hässig, wenn die Technik streikt. Ich hatte nie den Anspruch, ein First Mover zu sein. Ich habe die SMS lange für ein Übergangsphänomen gehalten und verstehe bis heute nicht ganz, warum Menschen Videos auf ihrem Handy ansehen. Beruflich bedeutete das immer: Ich schalte mich gerne in Neuerungen ein, wenn die Nerds das anstrengendste Stück der Lernkurve schon genommen haben.

 

Das ist auch im KI-Zeitalter vermutlich keine schlechte Strategie. Allerdings wird das allein nicht mehr reichen. Ich sehe ein, dass ich mehr Technologiekompetenz aufbauen muss – wie wahrscheinlich ein großer Teil der Branche.

 

Das Problem: Wie kommt man da ins Handeln? Ich habe mir vorgenommen, einen Trick von Beraterin Anita Zielina aufzugreifen, die wir für den Titel dieser Ausgabe interviewt haben. Sie rät, feste Zeiten für KI-Anwendungen und KI-Know-how zu reservieren. Ich fange mal mit einer halben Stunde pro Woche an – nicht als Pflichtübung, sondern als Investition. Wer sich regelmäßig mit neuen Tools beschäftigt, verliert die Scheu und gewinnt ein Gefühl für Möglichkeiten und Grenzen.

 

Besonders spannend finde ich, dass die Produktentwicklung durch KI-Tools künftig deutlich einfacher wird. Journalisten können ohne Programmierkenntnisse selbst Prototypen und Produkte bauen und testen. KI hilft also dabei, eine urjournalistische Aufgabe zu erfüllen: Menschen mit den richtigen Inhalten zu erreichen. Mit welchen Anwendungen Sie einsteigen können, erfahren Sie – neben vielen anderen Anregungen – in unserer Titelstrecke „40 nützliche KI-Tools“.

 

Und wenn Sie darüber hinaus Inspiration suchen, dann kommen Sie doch am 17. und 18. Juni nach Wien zum European Publishing Congress. Das Thema: „Die doppelte KI-Herausforderung“ – mit zwei zentralen Fragen:

1. Wie kann KI eingesetzt werden, um Prozesse effizienter zu gestalten, bestehende Produkte aufzuwerten oder neue zu entwickeln?

2. Wie lassen sich bestehende Geschäftsmodelle vor KI schützen?

 

Must-Reads im aktuellen „kress pro“

  • „40 nützliche KI-Tools für Medien“. Wie Sie Arbeitsabläufe effizienter gestalten, bestehende Angebote verbessern und neue entwickeln
  • Plus: Beraterin Anita Zielina erklärt, wie Medienhäuser die KI-Transformation meistern und welche Fehler sie jetzt vermeiden sollten
  • Plus: 10 KI-Tipps für Führungskräfte, die den Arbeitsalltag erleichtern

 

 

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