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Aufgespürt in Moskau: Wie Jörg Diehl Jan Marsalek fand

Aufgespürt in Moskau: Wie Jörg Diehl Jan Marsalek fand Jörg Diehl (Foto: Imago Sven Simon)

Ein internationales Rechercheteam hat den flüchtigen Wirecard-Manager in Moskau lokalisiert. Der „Spiegel“-Journalist Diehl schildert, wie die Reporter mithilfe von Reisedaten, Leaks und Tarnidentitäten seine Spur bis zum russischen Geheimdienst FSB nachverfolgten.

Berlin – Während Behörden offenbar im Dunkeln tappen, hat ein Recherche-Team von „Spiegel“, ZDF, „Standard“ und internationalen Partnermedien den Flüchtigen in Moskau ausfindig gemacht. Gesucht mit internationalem Haftbefehl gilt Jan Marsalek als Schlüsselfigur der Bilanzfälschung bei Wirecard. Mindestens 1,9 Milliarden Euro sollen verschwunden sein. 

 
Seine Geschichte ist aber nicht nur ein Wirtschaftskrimi. Es ist auch ein Geheimdienstdrama, wie Investigativjournalist Jörg Diehl im Interview mit Sebastian Meineck für „Wirtschaftsjournalist:in“ berichtet. Als Leiter des Inlandsressorts beim „Spiegel“ gehörte er zum Team, das Marsalek enttarnt hat. Ab Januar 2026 leitet er die Recherchekooperation von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“. Ein Auszug:
 
Was ist die wichtigste Erkenntnis Eurer Marsalek-Recherchen?
Jörg Diehl: Jan Marsalek ist tatsächlich in Moskau, das können wir jetzt zweifelsfrei nachweisen. Er unterhält engste Beziehungen zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Offensichtlich hielt er sich an Hunderten Tagen in oder an der FSB-Zentrale auf. Dort scheint er einer Beschäftigung nachzugehen. Zudem führt er wohl ein viel bescheideneres Leben, als wir das in der Vergangenheit von ihm kannten. Die Zeit der Luxusreisen, Privatjetflüge und Sternerestaurants ist offenbar vorbei. Man fragt sich unweigerlich, wie es um seine finanziellen Reserven bestellt ist. Manche nehmen an, dass viele Wirecard-Millionen bei ihm gelandet sind. Sichtbar ist das derzeit jedoch nicht.
 
Wie habt Ihr das herausgefunden?
Die Recherche basiert unter anderem auf Reisedaten, Zug- und Flugbuchungen und auf Ausweisdokumenten zu Marsaleks verschiedenen Tarnidentitäten. Der große Durchbruch kam, als wir eine Handynummer fanden, die wir einer Tarnidentität von Marsalek zuordnen konnten. Zu dieser Handynummer konnten wir Standortdaten erheben, die Marsaleks Bewegungen in Moskau zeigen.
 
Wie seid Ihr an diese sensiblen Daten gekommen?
Wenn es um Datenschutz geht, läuft das in Russland völlig anders als in Deutschland. Russland ist ein überaus datensammelwütiger Staat. Zudem sind in Russland viele Organisationen äußerst schlecht darin, auf ihre Daten aufzupassen. Das macht journalistische Recherchen möglich, die im Westen unvorstellbar wären. Eine wichtige Quelle ist dabei die russische Passdatenbank mit Fotos, Handynummern und E-Mail-Adressen. Anhand einer Handynummer lässt sich dann mitunter herausfinden, wann ein Gerät mit einem bestimmten Funkmast verbunden war. Daraus lässt sich ablesen, wo sich eine Person aufgehalten hat. In Deutschland wäre der Zugang zu solchen Daten nur Sicherheitsbehörden möglich, etwa im Rahmen eines Strafverfahrens mit richterlichem Beschluss.
 
Wie fließen solche Daten ab?
Dahinter stehen unterschiedliche Interessen. Einige Menschen in Russland verstehen es als Akt des politischen Widerstands, Daten zu leaken. Andere verdienen Geld damit. Korruption ist ein Riesenthema. Wobei ich klarstellen möchte: Der „Spiegel“ zahlt nicht für Informationen. Viele dieser Daten werden über verschlüsselte Messenger angeboten oder landen im Darknet. Von dort werden sie kopiert und weiterverbreitet, bis sie irgendwann kein Preisschild mehr tragen. Stark angestiegen ist auch die Zahl ukrainischer Hackerattacken auf russische Datenbanken, die weitere große Leaks produziert haben.
 
Wie genau konntet Ihr Marsalek finden?
Marsalek nutzt mehrere Tarnidentitäten, um seine Spuren zu verwischen. Wir wussten allerdings aus anderen Recherchen, wie seine neue Partnerin heißt, die offenbar selbst Agentin ist. Also haben wir in Reisedatenbanken geschaut, mit wem diese Frau regelmäßig unterwegs ist. Wer sitzt an ihrer Seite, wenn sie Flugreisen unternimmt? So stießen wir auf den Namen Alexander Nelidow. Der sollte aus der Ukraine stammen und nach dem russischen Überfall eingebürgert worden sein. Recherchen in Kiew zeigten aber, dass dort kein Alexander Nelidow mit diesen Geburtsdaten existiert hatte. An anderer Stelle stießen wir auf einen eingescannten Pass von Nelidow – das Passfoto zeigte Jan Marsalek.
 
Bingo.
In anderen Datenbanken fanden wir eine Telefonnummer von Nelidow mit einem Telegram-Account. Der zeigte ein Profilbild, von dem wir wussten, dass Marsalek es schon lange nutzt: einen Panda mit Sonnenbrille. Zur Telefonnummer fanden wir auch Ortungen über Funkmasten und konnten damit Marsaleks Bewegungen in Moskau nachzeichnen.
 
... und von Quellen konntet ihr sogar Fotos von ihm aus Moskau erhalten. Kann der russische Geheimdienst seine Agenten nicht besser schützen?
Ich denke, Marsalek wird bereits umfassend geschützt und betreibt hohen Aufwand, um sich zu tarnen. Dennoch ist er nicht in der Lage, sich dem russischen Überwachungsstaat zu entziehen. Auch er muss zum Beispiel Tickets buchen und Pässe scannen lassen.
 
Der Überwachungsstaat macht Marsalek gläsern – wie alle Menschen in Russland. Zeigt Eure Recherche, wie verheerend Massenüberwachung ist?
Ich finde es absolut verstörend zu sehen, in welchem Ausmaß privateste Daten aus Russland öffentlich verfügbar sind. Bei manchen Daten stellt sich die Frage, ob man sie überhaupt sammeln und zentral speichern muss. Wenn ein Staat solche Informationshalden aber schafft, dann sollte er absolut sicher sein, diese Daten auch schützen zu können.
 (...)
 
Eine rote Linie, die ihr in der Veröffentlichung benennt: Der „Spiegel“ zahlt nicht für Informationen. Dabei dürfte gerade das auf dem Schwarzmarkt für geleakte Daten verlockend sein. Was steckt dahinter?
Der „Spiegel“ hat sich nach der Relotius-Affäre Standards gegeben und veröffentlicht (t1p.de/pdf-spiegel-standards). Eine Regel lautet: „Der ,Spiegel‘ zahlt grundsätzlich keine Informationshonorare. Ausnahmen müssen von Chefredaktion und Geschäftsführung genehmigt werden.“ In unserer Arbeit legen wir das streng aus. Ansonsten geriete man schnell in einen Bereich, der strafrechtlich relevant sein könnte. Als Journalisten dürfen wir niemanden motivieren, gegen Gesetze zu verstoßen.
 
In Eurem Text beschreibt Ihr, welche Mordpläne Jan Marsalek gegen den „Spiegel“-Mitarbeiter Christo Grovez schmiedete. Wie gefährlich ist die Recherche für das Team?
Es gibt wenige Recherchen, die so gefährlich sind wie die meiner Kollegen Christo Grozev und Roman Dobrokhotov, die sich seit Jahren mit dem russischen Regime befassen. Man sollte sich bewusst sein, mit wem man sich anlegt und wie man sich schützen kann. Christo Grozev hat öffentlich beschrieben, dass er seinen Wohnort fluchtartig verlassen musste. Wir wissen bislang nicht, inwiefern auch andere Kollegen von Jan Marsaleks brutalen Fantasien betroffen sind.
 
Welche Folgen hatte die Recherche?
Ich kann aktuell nur vermuten, dass die Recherche für Marsalek eine hochnotpeinliche Sache sein muss. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen haben ihm Journalisten in Moskau über die Schulter geschaut. In der Welt der Geheimdienste ist das eine bittere Niederlage. Man fragt sich, welchen Wert er für die russischen Behörden noch hat und wie lange sie bereit sind, ihn zu schützen. Es ist wahrscheinlich, dass er sich einen neuen Namen und eine neue Handynummer zulegt. Aber das heißt nicht, dass wir ihn nicht wieder finden werden.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Printausgabe der „Wirtschaftsjournalist:in“.

 

 

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