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Demotiviert, ängstlich, voller Sorgen: Wie die WAZ-Führung ihre Mitarbeiter lähmt

Die Geschichte aus der gut 76.000 Einwohner zählenden Stadt Dorsten ist Lokaljournalismus, wie er sein soll. Da wird der Torhüter Timo Hildebrand auf Facebook angegriffen. Der wehrt sich, veröffentlicht die beleidigende Attacke. Die WAZ schreibt in dieser Woche nicht nur über den Fall, sie findet auch den Jugendlichen und überbringt dem Schalker Fußballer dessen Entschuldigung.

Essen - So gehen Geschichten, die Leser lieben. Da ist der Sport, der im Westen eine ganz große Rolle spielt. Und da ist die Zeitung, die nicht nur berichtet, sondern agiert, aktiv mitgestaltet und eingreift. Die Menschen kennt und sie zusammenbringt. Aber wie lange können ihre Journalisten noch diese Arbeit leisten, wie lange bleiben sie noch Chronisten, Berichterstatter im Dienste ihrer Leser? Die Antwort kennt nicht einmal die Geschäftsführung, die den Schnitt in dem Medienkonzern am Mittwoch verkündet hat.

Wer Mitte der Woche Geschäftsführer Manfred Braun erleben durfte, sah einen Mann, von dessen euphorischen Journalismus-Beschwörungen so gar nichts mehr übrig geblieben ist. Lobte er im Sommer 2012 noch eine lokale Offensive aus, verkündete er diesmal, dass es erneut zu einem dramatischen Schnitt beim Personal in der Essener Mediengruppe kommt - und es wird noch nicht einmal die letzte Sparrunde sein.

Fast 500 Redakteure mussten seit 2009 gehen

200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen heuer das Haus verlassen, es sind zum großen Teil Redakteurinnen und Redakteure, die bis dato für ihre Innovationsfreude (Lokalkompass) und prall gefüllten Kassen gelobten Anzeigenblätter bluten und im Anzeigenverkauf wird ebenfalls gespart.

Waren bei den Tageszeitungen des Konzerns in Nordrhein-Westfalen ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Chefredakteur: Ulrich Reitz; "Westfalenpost", Chefredakteur: Stefan Hans Kläsener; "Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung", Chefredakteur: Rüdiger Oppers; "Westfälische Rundschau", Chefredakteur: Malte Hinz und "Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung", Chefredakteur: Thomas Reunert) 2009 vor der ersten Sparrunde noch über 900 Redakteurinnen und Redakteure beschäftigt, bleiben nach der neuerlich angekündigten Sparrunde nach Newsroom.de-Informationen etwa 400 Journalistinnen und Journalisten im Dienste der fünf Blätter (Gesamtauflage 4/2012: 720.733 verkaufte Exemplare laut IVW).

Wer in das Unternehmen hineinhorcht, kann nur eine Diagnose aufstellen - die Stimmung ist schlimmer. In den Redaktionen wird nicht etwa überlegt, wie gegen die Ankündigung des Funkeschen Streichkonzertes angegangen werden kann, sondern wie wohl die Sozialauswahl erfolgt, wer geht, wer diesmal noch davon kommt.

Auch die Zahlen, in welchen Ressorts und Einheiten tatsächlich und überhaupt gespart werden kann, sind längst nicht final: 1. Es gibt nichts Schriftliches außer dem Brief der drei Geschäftsführer Ziegler, Nienhaus und Braun an die Mitarbeiter, der uns ebenfalls vorliegt. 2. Aussagen selbst der Chefredaktionen sind in der aktuellen Situation nichts als Möglichkeiten, wie es am Ende eventuell aussehen könnte. 3. Die Geschäftsführung weiß nicht, wie sie die Arbeitsabläufe in den dann verbleibenden Einheiten garantieren kann. Kolportiert wird zum Beispiel, dass am Content Desk 21 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen (aktuell: 90). Bislang arbeitet die Redaktion im 3-Schicht-Betrieb, von morgens 6 Uhr bis 23 Uhr in der Nacht ist die Redaktion besetzt, manchmal sogar noch länger. 4. Erst die nächsten Tage überlegt die Geschäftsführung, wie was funktionieren soll, wenn der Verlag sich von den Mitarbeitern getrennt hat.

Zauberstück im Ruhrgebiet

Ja, heißt es in Unternehmenskreisen, 20 Millionen für den goldenen Handschlag eines früheren Geschäftsführers seien nicht zu stark übertrieben. Und nein, der Vertrag mit Kurt Bauer vom Marler Medienhaus Bauer, dem emsigen Verleger und Sohn der legendären Annemie Bauer, ist doch noch nicht unterschrieben, auch wenn Verleger Bauer dem Werben der WAZ wohl nachgeben wird und Lokalseiten seines Verlages Johann Bauer KG dann in der einst verhassten WAZ erscheinen.

Im Ruhrgebiet wird ein ganz besonderes Zauberstück aufgeführt. Sein bedrückender Titel lautet "So lasse ich einen Verlag verschwinden - und das Rückgrat der Mitarbeiter gleich mit".

Bülend Ürük

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