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Doppelabgang bei der „Berliner Zeitung“: Reich-Osang und Hollersen gehen

Doppelabgang bei der „Berliner Zeitung“: Reich-Osang und Hollersen gehen Anja Reich-Osang (Foto: Privat / Berliner Zeitung)

Nach fast 30 Jahren verlässt Anja Reich-Osang das Blatt, kurz darauf kündigt auch Reporterin Wiebke Hollersen ihren Abschied an. In der Branche wird der Doppelabgang als weiterer Einschnitt für das Blatt gewertet.

Berlin – Anja Reich-Osang macht nach fast 30 Jahren bei der „Berliner Zeitung“ von Verleger Holger Friedrich Schluss. Auch Reporterin Wiebke Hollersen geht. 

 

„Ich war Lokalreporterin, Magazin-Chefin, Korrespondentin in New York und Tel Aviv und Chefin des Dossiers. Es war eine wunderbare Zeit in einer einzigartigen Redaktion. Ich habe mit großartigen Kollegen zusammengearbeitet und durch meine Interviews und Recherchen die Möglichkeit gehabt, all die Fragen zu stellen, die mich interessierten, dicht ranzugehen, an Menschen, an ihre Probleme, an die Ursachen der Probleme. Dabei habe ich viel gelernt, auch über mich selbst. Was für ein toller Beruf!“, schreibt Anja Reich-Osang bei Facebook.


Mit ihrem Beruf will sie keinesfalls Schluss machen, nur eben bei der „Berliner Zeitung“ endet ihr Weg. „Ich danke allen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, über so viele Jahre“, so Reich-Osang.

 

Anja Reich kommt aus Ost-Berlin, volontierte bei der „Berliner Zeitung“. Von 1993 bis 1996 arbeitete sie als Lokalredakteurin bei der „Welt“, seitdem ist sie bei der „Berliner Zeitung“: ab 2001 als New-York-Korrespondentin, von 2008 bis 2011 als Leiterin des Magazins, zuletzt als Teamchefin Dossier.

 

Reich ist mit dem „Spiegel“-Reporter Alexander Osang verheiratet. Im Jahre 2011 veröffentlichte das Paar das Buch „Wo warst du? Ein Septembertag in New York“, in dem es die Terroranschläge am 11. September 2001 aus der persönlichen Perspektive beschreibt.

 

Bei Facebook und LinkedIn äußern sich einige Journalisten zum Abgang von Anja Reich-Osang. Franz Sommerfeld, mit dem sie bei der „Berliner Zeitung“ zusammenarbeitete, kommentiert: „Mit ihren großen Reportagen und Gesprächen prägte sie die Zeitung. […] Mit dem Kauf der ,Berliner Zeitung‘ durch den Ostdeutschen Holger Friedrich verband sie wie viele in der Redaktion die Erwartung, der Zeitung wieder ein Stück ostdeutscher Identität zu geben. Mit ihren Reportagen über ostdeutsche Nachwende-Schicksale wollte sie das zu gerne Verdrängte öffentlich machen“, so Sommerfeld auf LinkedIn. Ostdeutsche Identität sei für Reich-Osang, die Identitätspolitik ablehnt, die „Erfahrung von Verlust und Aufbruch“.

 

Für Sommerfeld markiert ihr Abgang „einen weiteren Einschnitt in der Umwandlung der ,Berliner Zeitung‘“: Es gehe nun nicht mehr um ostdeutsche Souveränität. Das Blatt werde stattdessen zu einem „Instrument, um den politischen Aufstieg der AfD publizistisch zu fördern und Verständnis für russische Politik zu wecken“, meint Sommerfeld. So kehre die „Berliner Zeitung“ zu ihren Anfängen zurück, allerdings geführt von einer westdeutschen Chefredaktion.

 

Matthias Meisner, politischer Korrespondent der taz, kommentierte zu der Reich-Osang-Personalie: […] Sie spricht zwar nicht über ihre Erlebnisse mit Holger Friedrich und ihre Sicht auf die Entwicklung des Blattes, und auch Friedrich selbst lässt eine Anfrage der taz unbeantwortet. Doch es lässt sich ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Trennung schmerzhaft ist. Für beide. Und dennoch wohl unvermeidbar.“

Mit Wiebke Hollersen geht eine weitere Journalistin mit Ost-Biografie.

 

Bei der „Berliner Zeitung “sagt auch Wiebke Hollersen Tschüss: „Vor vielen Jahren war diese Redaktion die beste Journalistenschule, die ich mir vorstellen kann. Vor fünf Jahren kam ich zurück, um als Reporterin zu arbeiten. Ich bin so dankbar für die Geschichten und Interviews, die ich machen durfte, und für die vielen großartigen Kollegen, die ich hier (wieder) getroffen habe. Ich wünsche euch allen viel Glück! Und mache selbst erstmal kurz Pause. Mal sehen, was dann kommt.“

 

Wiebke Hollersen, geboren in Ost-Berlin, hat Publizistik, Geschichte und Politik studiert und bei der „Berliner Zeitung“ volontiert. Sie hat beim „Spiegel“ im Hauptstadtbüro und im Ressort Gesellschaft Reportagen und Porträts geschrieben und bei der „Welt am Sonntag“ über Wissenschaft. Sie ist seit 2021 zurück bei der „Berliner Zeitung“, im Ressort Dossier, das von Anja Reich-Osang geleitet wurde.

 

 

 

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