Journalismus
Peter Linden

Wie Storytelling und Dramaturgie gewinnen können

Wer häufig festgelegten Mustern folgt, lässt oft Leser leiden - und die Wahrheit. Was die „Journalistenwerkstatt“ „Sensible Sprache“ rät.

Zu den wenig hinterfragten Standards im Film, im Journalismus und auch der Werbung zählen die bewährten Muster des Storytellings. Wieso sollte man auch hinterfragen, was Erfolg garantiert? Meist entstehen so süffige Blockbuster, egal ob für das Kino, das Fernsehen oder, in schriftlicher Form, für Printerzeugnisse oder Online-Formate. Dass ein Betrüger wie Claas Relotius mit seinen Texten problemlos durch die Instanzen beim „Spiegel“ marschieren konnte, liegt auch daran, dass die von ihm erfolgreich bediente, tradierte Form stets suggerierte, das Erzählte sei authentisch und wahr. Die etablierten Muster des Storytellings verführen auch seri öse Texterinnen und Autoren dazu, bevorzugt nach Storys zu suchen, die in diesen Mustern erzählbar sind. Und notfalls Themen oder Recherche-Ergebnisse so auszusortieren, dass nichts der gewünschten Dramaturgie im Wege steht. Nach diesem Prinzip verfahren wir durchaus auch im Alltag. Was immer wir bloß bruchstückhaft beobachten oder erfahren – es ergibt anhand bewährter Muster rasch einen Sinn: Ein „so könnte es gewesen sein“ verwandelt sich schleichend über ein „so muss es gewesen sein“ in ein „so ist es gewesen“. Die gespeicherten Algorithmen und Klischees verstellen den Blick auf das womöglich Überraschende und Einzigartige. Das Problem ist, dass darüber vieles und viele auf der Strecke bleiben. Mitunter auch die Wahrheit. Aus Skeptikern werden Feinde Unsensible Sprache, unsensibles Kommunizieren funktioniert beinahe immer so: Was nicht passt, wird passend gemacht, oder es findet nicht statt. Null oder eins, schwarz oder weiß – alles dazwischen ist nicht etwa bunt, sondern grau. Sobald ein Format Antagonisten vorsieht, verwandeln sich Skeptiker in Feinde. Wenn eine Heldenreise gewünscht ist, mutieren bloße Zufälle oder Glück zu Kühnheit und Entschlossenheit. Bei der Reise des Antihelden ist es eben umgekehrt. Im Dezember 2024 besuchte eine „Spiegel“-Autorin einen solchen „Antihelden“. Sie reiste nach Chemnitz, entschlossen, Benjamin Fredrich, den Gründer der Zeitschrift „Katapult“, als manipulativen Scharlatan darzustellen. Noch ehe die Leserschaft erfährt, wer da überhaupt welche Vorwürfe erhebt, ist die Story angelegt und der Weg in den in Teilen manipulativen Text geebnet: „Freitagabend am Sonnenberg in Chemnitz, einem Problemstadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit und viel Leerstand. Hier will Benjamin Fredrich am nächsten Tag eine Buchhandlung eröffnen. Er trägt Kapuzenpullover und hat Sägespäne im Sechs 6tagebart. Im Eingang stapeln sich Werkzeuge. Die deckenhohen Regale sind gerade zu einem Drittel mit Büchern gefüllt. Eher unsortiert. ,Hauptsache, es sieht voll aus‘, sagt Fredrich zur Methode. Am nächsten Morgen sollen mehr Bücher geliefert werden, wenige Stunden bevor die ersten Kunden kommen. ,12 Kisten, oder 14‘, sagt Fredrich zu einer Helferin. ,Vielleicht 17.‘ Genau weiß er das offenbar nicht.“ Er nicht. Aber alle, die diesen Einstieg gelesen haben, wissen nun genau, was der Fredrich für einer ist: Die Buchhandlung am falschen Ort (Arbeitslosigkeit!), unrasiert (erstaunlich, wie die Autorin erkennt, dass der Bart exakt sechs Tage alt ist) und chaotisch (weiß am Vorabend nicht einmal, ob am Folgetag 14 oder 17 Kisten geliefert werden!). Dass Benjamin Fredrich ein solches Porträt vermutlich gut wegstecken kann, darf nicht in die Beurteilung einfließen. Fakt ist: Dem Text mangelt es an Empathie. Ein großer Teil der Belegschaft von „Katapult“ richtete später einen Protestbrief an das Nachrichtenmagazin. Neue, junge Erzählformate Die gute Nachricht ist, dass junge Filmemacherinnen, Werbe treibende, Schriftstellerinnen und Autoren Auswege aus dieser Strukturfalle suchen und finden. Die Formel „Inhalt vor Form“ ist auch in vielen Redaktionen und Agenturen nicht mehr fremd...(Fortsetzung in der „Journalistenwerkstatt“ „Sensible Sprache“)

 

Mehr dazu: Journalistenwerkstatt

 

 

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