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Wenn jede Bewerbung scheitert: Warum es trotz Qualifikation nicht klappt

Wenn jede Bewerbung scheitert: Warum es trotz Qualifikation nicht klappt Attila Albert

Trotz optimierter Unterlagen, guter Vorbereitung und passender Erfahrung bleibt der Erfolg aus: Wer Dutzende oder gar Hunderte Absagen erhält, zweifelt schnell an sich selbst. Karrierecoach Attila Albert nennt typische Ursachen – und zeigt auf, wo ein Perspektivwechsel helfen kann.

Berlin – Immer wieder einmal lese ich auf LinkedIn einen frustrierten, oft auch wütenden Beitrag von jemandem, der sich bereits mehr als 100 Mal erfolglos beworben hat. Darunter finden sich immer Kommentare, in denen wohlmeinende, aber naheliegende Tipps – man solle etwa „dranbleiben und nicht aufgeben“ – gegeben werden oder andere ähnliche Erfahrungen schildern. Tatsächlich ist es sehr ermüdend und schlussendlich zermürbend, sich immer wieder mit möglichen Arbeitgebern und Stellen auseinanderzusetzen, Anschreiben und Lebenslauf an sie anzupassen, nur um dann doch wieder eine Absage zu erhalten.

 

Die meisten haben ihre Bewerbungsunterlagen – Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse – bereits mehrfach prüfen lassen und nach den jeweiligen Empfehlungen angepasst. Sich immer wieder auf mögliche Bewerbungsgespräche vorbereitet, aber statt einer Einladung wieder nur eine standardisierte Absage („Das Profil anderer Kandidaten hat noch etwas besser gepasst“) erhalten. Trotzdem weiter dasselbe zu versuchen, scheint irgendwann nicht mehr erfolgversprechend. Auch die Fähigkeit zur Selbstmotivation stößt einmal an ihre Grenzen. Was aber tun, wenn Aufgeben auch keine Option ist? Es empfiehlt sich, sich mit häufigen Gründen für dauerhaft erfolglose Bewerbungen zu beschäftigen.

 

Bewerbungen auf der falschen Fach- oder Hierarchieebene

Eine dreistellige Zahl erfolgloser Bewerbungen innerhalb eines Jahres – das entspricht acht bis neun Bewerbungen monatlich – weist auf ein grundsätzliches Problem hin. Dieses gilt es zu identifizieren, eventuell mit der Hilfe eines Mentors oder Karriereberaters. Besonders häufig sind Bewerbungen auf der falschen Fach- oder Hierarchieebene. Beispiel: Eine arbeitssuchende Redakteurin über 50, die sich als Content- oder Social-Media-Managerin bewirbt, obwohl diese Stellen typischerweise an junge Frauen gehen. Wichtige Gründe hierfür sind mangelnde Erfahrung mit dem aktuellen Arbeitsmarkt, etwa nach langer Tätigkeit für einen Arbeitgeber, oder eine unzutreffende Selbsteinschätzung: Man unter- oder überschätzt sich und bewirbt sich daher fortlaufend auf die falschen Stellen. Neutrales, kompetentes Feedback kann einen hier auf die richtige Bahn lenken.

 

Übergroße Flexibilität aus Angst, sonst gar nichts zu finden

Mit jeder Stellenausschreibung müssen sich Arbeitssuchende auseinandersetzen, jeweils eigene Argumente finden und formulieren: warum sie sich für genau diesen Arbeitgeber und diese Stelle interessieren, weshalb sie die beste Wahl wären. Das ist mühevoll, denn häufig sucht man ehrlicherweise einfach einen Job und wäre im Detail flexibel. Nach den ersten Absagen geht man auch zunehmend entsprechend vor, bewirbt sich breiter und behauptet dennoch immer, genau diese Stelle zu wollen. Das ist normal und empfehlenswert, sollte aber seine Grenzen haben, denn sonst erschöpft man sich und überzeugt andere immer weniger. Zudem ist die Zahl der Unternehmen begrenzt; man kann sich dort nicht immer wieder auf andere Stellen bewerben und glaubhaft vermitteln, dass es passen würde. Bewerben Sie sich daher selektiv und nur, wenn bestimmte vorab definierte Kriterien erfüllt sind, auch wenn Sie dringend suchen. Sonst wird Flexibilität zum Verbiegen.

 

Zu starker Fokus auf klassische Bewerbungen

Auch wenn fast alle Stellen ausgeschrieben werden müssen, werden sie vielfach doch über Bekanntschaften und Empfehlungen in der Branche vergeben – etwa an frühere Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte, mit denen man bereits gut zusammengearbeitet hat und denen man vertraut. Der vorgeschriebene Bewerbungsprozess muss zwar trotzdem eingehalten werden, aber diese Bewerber sind vom Start weg in der engeren Auswahl oder haben faktisch bereits die Zusage. Wer sich vor allem auf klassische Bewerbungen verlässt, ist hier immer im Nachteil. Daher sollten selbst Berufstätige, die aktuell keine neue Stelle suchen, wöchentlich ein bis zwei Stunden fürs Netzwerken verwenden: bestehende Kontakte auffrischen, neue knüpfen. Anfangs elektronisch (E-Mail, LinkedIn), dann aber möglichst persönlich – Austausch beim Kaffee oder Essen, Treffen bei Veranstaltungen usw.

 

Erschöpfung durch zu viele, fast wahllose Bewerbungen

Wie geschildert, ist jede Bewerbung anstrengend. Jede kostet Zeit und Mühe, immer auch gedankliche Kraft. Wer sich zu häufig und fast wahllos bewirbt, erschöpft sich und verliert bei all den Absagen zunehmend den Mut und das Selbstbewusstsein. Bald klingt man wie ein Bittsteller und lässt die Bereitschaft durchklingen, eigentlich fast alles zu akzeptieren. Das ist verständlich, aber leider nicht hilfreich. Arbeitgeber entscheiden in Bewerbungsverfahren nicht nach Kriterien wie Gerechtigkeit, Empathie oder gar Mitleid, sondern nach dem Nutzen für sich selbst. Zudem umwerben sie bevorzugt Kandidaten, die auch andere Optionen haben. Um dem zu entgehen, sollten Arbeitssuchende die Zahl ihrer Bewerbungen limitieren: lieber weniger, dafür bewusst ausgewählt und kraftvoll. Ein guter Richtwert sind sechs bis zehn Bewerbungen pro Monat, für Fach- und Führungskräfte weniger.

 

Zunehmend engerer, enttäuschter Blick

Jede Absage schmerzt und nagt am Selbstbewusstsein. Zudem drängt – meist schon aus finanziellen Gründen – die Zeit. Viele Arbeitssuchende werden verständlicherweise immer angespannter, nicht selten auch zynisch, verbittert oder resigniert. Arbeitgeber spüren das: Die Bewerbungsunterlagen sind überzogen optimiert, vollgestopft und ohne Fokus, klingen bittend oder sogar verzweifelt. Dabei braucht es Selbstsicherheit und Leichtigkeit, um andere zu überzeugen. Engen Sie Ihr Leben daher nicht ganz auf die Arbeitssuche ein. Haben Sie trotzdem Spaß, holen Sie sich Ihre Neugier, Begeisterungsfähigkeit und echtes Interesse zurück. Das geht auch mit wenig Geld: Freunde einladen oder treffen, in einem Verein trainieren oder einem Hobby nachgehen, einen Kurs oder Veranstaltungen (z. B. Vernissage, Vortrag) besuchen. Legen Sie jeden Monat einige Tage Bewerbungspause ein. Schauen Sie sich danach mit etwas Abstand Ihr Vorgehen und Ihre Unterlagen an.

 

Versteift darauf, eine Stelle wie zuvor zu finden

Nicht selten legt einem eine große Zahl von Ablehnungen schließlich nahe, dass es beruflich wahrscheinlich nicht mehr wie bisher weitergehen wird. Man muss einräumen: Man ist mit dem derzeitigen Profil – fachliche Kompetenzen, bisheriger Berufsweg, Lebensalter – eventuell nicht mehr wettbewerbsfähig. Das ist oft das Ergebnis früherer Versäumnisse (z. B. zu selten gewechselt, Lage der Branche zu lang ignoriert, fehlende Weiterbildungen, zu kleines Netzwerk). Hier ist es wichtig, mutig, konsequent und entschlossen über den bisherigen Horizont hinauszublicken: Was wären ganz andere Optionen? Dazu können gehören: der Umzug in eine wirtschaftlich stärkere Region, ein Wechsel der Tätigkeit oder der Branche, der Aufbau einer Selbstständigkeit. Dabei sind immer auch innere Blockaden zu überwinden, denn eigentlich wollte man das ja nicht. Bewerben kann man sich daneben weiter, hat dann aber bereits eine echte Alternative in Vorbereitung.

 

Zur vergangenen Kolumne: Die Tricks beim Stellenabbau

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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