Berlin – Die Suche nach einer neuen bzw. besseren Stelle gestaltet sich heute nicht nur schwierig, sondern ist vielfach frustrierend, wie Karrierecoach Attila Albert bei kress.de schreibt. Wenn man überhaupt einmal etwas angeboten bekommt, ist die Stelle häufig problematisch und wohl vor allem deswegen (wieder) frei: Der Arbeitsort ist unbeliebt, der Aufgabenumfang viel zu groß, die Kompetenzen und Ressourcen sind unzureichend, das Gehalt zu niedrig. Möglicherweise ist die Stelle auch befristet oder als Arbeitnehmerüberlassung (Anstellung bei einem Drittunternehmen) ausgestaltet. Anfangs lehnt man solche Angebote noch entschieden ab, wird nach einigen Enttäuschungen aber nachdenklich: Erwartet man zu viel, sieht der Arbeitsmarkt inzwischen überall so aus?
Tatsächlich kann es sich in bestimmten Fällen aber lohnen, eine problematische Stelle anzunehmen – für eine begrenzte Zeit. Die Bedingung dafür ist, dass sie zumindest einen so gravierenden Vorteil hat, dass man die bereits erkannten Nachteile dafür in Kauf nimmt. Wenn man weiß, was man langfristig erreichen will und worauf man sich deswegen vorübergehend einlässt, wird eine problematische Stelle zu einer bewusst gewählten Zwischenstation: Es ist von Anfang an klar, dass sie nicht das Endziel ist, aber sie führt näher zu ihm. Ein zusätzlicher Vorteil: Man kann die belastende Stellensuche erst einmal aussetzen und sich auch davon erholen. Hier einige dieser Ausnahmen.
Finanzielle Verbesserung: Ersparnisse aufbauen
Ein häufiger Grund, eine eigentlich problematische Stelle anzunehmen, ist die finanzielle Verbesserung. Das gilt insbesondere beim Bezug von Arbeitslosengeld, umso mehr am Ende der Anspruchszeit, und bei einem bisher relativ geringen Gehalt. Jeder Monat mit dem höheren Einkommen hilft, die Lebenshaltungskosten zu bestreiten, das möglicherweise überzogene Konto auszugleichen, danach idealerweise wieder Ersparnisse aufzubauen. Tipp: Eine bewusst bescheidene Lebensweise auch nach der Stellenzusage (z. B. Verzicht auf Restaurantbesuche, teure Anschaffungen und Urlaube) hilft, die eigenen Kosten niedrig zu halten und sich nicht aus finanziellen Gründen ganz an die neue Stelle zu binden.
Ortswechsel ermöglicht: Schrittweiser Übergang
Eine problematische Stelle kann auch die Chance bieten, in eine wirtschaftlich stärkere Gegend zu ziehen oder einen privat gewünschten Umzug zu ermöglichen (z. B. zum neuen Partner, Pendeln beenden). Damit lässt sich eine neue örtliche Basis schaffen, auch für die spätere erneute Arbeitssuche. In diesem Fall ist es besonders vorteilhaft, mit dem neuen Arbeitgeber einen Zuschuss zu den Umzugskosten auszuhandeln. Tipp: Wer am neuen Wohnort nicht schon eine Unterkunft hat, profitiert von einem schrittweisen Übergang. Eine provisorische Lösung (Zimmer, Untermiete) für die Dauer der Probezeit erlaubt, die neue Stelle ohne größeres Risiko auszuprobieren und erst danach final zu entscheiden.
Aufstiegschance: Position bei Bedarf begrenzen
Immer wieder kommt es vor, dass eine Stelle zumindest formal eine Aufstiegschance darstellt, auch wenn sie ansonsten problematisch ist. Hier kann sich die Zusage lohnen, um den Positionstitel zu erhalten und entsprechende Führungserfahrung zu sammeln (z. B. Redaktionsleiter werden, auch wenn es zunächst nur in einer abgelegenen Außenredaktion ist). Das erhöht die Chance bei späteren Bewerbungen bzw. ermöglicht überhaupt erst, dafür berücksichtigt zu werden. Tipp: Nach der Probezeit zügig mit dem Netzwerken und ersten Bewerbungen um gleichrangige oder höhere Führungspositionen beginnen. Je höher die Position hierarchisch ist, desto länger dauert es meist, bis man etwas Neues findet.
Neues Aufgabengebiet: Theoriewissen ergänzen
Ein problematischer Job kann einem auch ermöglichen, sich in ein bisher unbekanntes Aufgabengebiet einzuarbeiten und sich dadurch mittelfristig neue berufliche Optionen zu schaffen (z. B. von der Redaktion ins Redaktions- oder Produktmanagement). Diese Chance bietet sich immer, wenn das neue Stellenprofil nicht der bisherigen Laufbahn entspricht und Aufgaben umfasst, in die man sich erst einarbeiten muss. Das kann man für sich dann fast als bezahlte Weiterbildung verbuchen. Tipp: Die Praxiserfahrung mit Theoriewissen ergänzen – mindestens passende Fachbücher studieren, besser eine berufsbegleitende Weiterbildung (MAS, CAS) angehen, im Idealfall vom neuen Arbeitgeber bezahlt.
Zugänge und Netzwerke: Kulturell einfügen
Nicht zuletzt kann einem ein problematischer Job den Zugang in einen Bereich eröffnen, der einem bisher verwehrt war (z. B. von einer Außenredaktion in die Zentrale oder in ein gefragtes Ressort). Damit ermöglicht er, sich vor Ort zu zeigen und in der Zusammenarbeit zu profilieren, neue Kontakte zu knüpfen und Gespräche zu führen, die vorher nicht möglich waren und einen eventuell weiterbringen. Tipp: Immer auch auf die kulturellen Kennzeichen am neuen Arbeitsort achten – wie man sich kleidet, spricht und verhält. Zumindest einen Teil davon zu übernehmen, ist entscheidend dafür, als zugehörig akzeptiert zu werden. Stellt man dabei fest, dass das nicht zu einem passt, ist das auch eine wertvolle Lernerfahrung.
Zur vergangenen Kolumne: 6 Fähigkeiten für beruflichen Fortschritt
Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.
Attila Albert