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Karriereplanung im Medienwandel: Wie Journalisten mit Unsicherheit umgehen können

Karriereplanung im Medienwandel: Wie Journalisten mit Unsicherheit umgehen können Attila Albert

Medienwandel, Künstliche Intelligenz und eine schwächelnde Wirtschaft setzen viele Redaktionen unter Druck. Karrierecoach Attila Albert rät Medienprofis dennoch, ihre berufliche Zukunft aktiv zu planen – statt sich von Sorgen lähmen zu lassen.

Berlin – Wurde man vor einiger Zeit noch gefragt, wo man sich beruflich wohl in fünf Jahren sehen würde, dachte man normalerweise an Aufstiegsmöglichkeiten. Vielleicht erst Ressortleiter, irgendwann Chefredakteur? Heute führt diese Überlegung bei vielen Medienprofis zu Sorgen oder sogar zu Existenzängsten: „Werde ich meinen Job in fünf Jahren noch haben?“ Eine große Zahl an Kollegen ist bereits aus den Redaktionen verschwunden, nicht selten sogar aus der Branche. Ganze Ressorts werden nicht mehr selbst bestückt, sondern mit Inhalten von anderen Medienhäusern oder der dpa gefüllt, Standardtexte schreibt die KI vielerorts schon selbst. Die Wirtschaftslage schwächelt weiter, damit auch der Anzeigen- und Aboverkauf.


Trotzdem kann man sich davon nicht ganz herunterziehen lassen. Einerseits, weil die meisten auf ihren Verdienst angewiesen sind und damit auf jeden Fall arbeiten müssen, andererseits, weil ein Leben in ständiger Sorge und Angst nicht gesund ist. Es ist allerdings zu wenig, sich einfach vorzunehmen, „nicht alles schlechtzureden“. Man kann die Realitäten nicht ausblenden, ohne irgendwann umso stärker mit ihnen konfrontiert zu werden. So gilt es, pragmatisch vorzugehen: die allgemeine und persönliche Lage unaufgeregt, aber klar zu analysieren, Möglichkeiten für den weiteren beruflichen Weg zu prüfen und machbare Strategien zur Umsetzung zu entwickeln. Dafür heute einige Anregungen.

 

Veränderung akzeptieren, nicht bekämpfen

In meinem Ratgeber „Ich brauch keinen Purpose, sondern Geld“ habe ich in Bezug auf Bewerbungsgespräche ironisch kommentiert: „Auf die einfallslose Standardfrage ‚Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?‘ sollten Sie keinesfalls ehrlich antworten: ‚Auf Ihrem Sessel oder beim nächsten Arbeitgeber, wenn ich bis dahin nicht befördert worden bin.‘ Behaupten Sie stattdessen: ‚In einer besseren Welt – für die Kinder und alle Menschen –, und ich hoffe, dass wir sie gemeinsam erschaffen können.‘ Dem zukünftigen Chef und der HR-Managerin wird ein gerührter Glanz in die Augen treten, auch wenn sie selbst wissen, dass es für alle wieder darum gehen wird, die ambitionierten Finanzziele des Vorstandes zu erreichen – inmitten einer stagnierenden Wirtschaft bei längst geplantem Stellenabbau.“

 

Tatsächlich braucht man Humor in schwierigen Zeiten, vor allem aber: Zuversicht. Das bedeutet nicht, sich mit einer wahrscheinlich trügerischen Hoffnung zu trösten, auch wenn Wunschdenken unter dem Begriff „Manifestation“ wieder gesellschaftsfähig geworden ist. Sondern: das Problem zu erkennen, aber auch sicher zu sein, dass man damit umgehen kann. So könnte man sich selbst antworten: „Wahrscheinlich werde ich meine aktuelle Stelle in fünf Jahren nicht mehr haben, aber das ist auch nicht schlimm. Hoffentlich sogar, ich will doch nicht ewig dasselbe machen, sondern mich auch noch weiterentwickeln.“ Wer so herangeht, konzentriert sich nicht auf seine Ängste und sträubt sich noch vor allem gegen eine Veränderung, die er wahrscheinlich sowieso nicht aufhalten kann.

 

Der beste Weg ist stattdessen, die kommenden oder bereits laufenden Veränderungen zu akzeptieren und nach Chancen zu suchen, die sich für einen daraus ergeben, anschließend die weiteren Entscheidungen danach auszurichten. Beispiel: Ein befreundeter Texter sah seine weitere Zukunft durch KI-Texte bedroht. Er spezialisierte sich selbst auf KI-Texte, besuchte auch eine entsprechende Weiterbildung und schreibt nun einerseits weiter wichtige Texte, setzt aber andererseits die Automatisierung für Standardtexte auf. Wichtig ist dabei immer, zuerst möglichst konkret zu entscheiden, wohin man sich entwickeln und wer man – aus professioneller Sicht – werden möchte. Fünf Jahre sind dafür ein guter Horizont, innerhalb dieses Zeitraums lässt sich viel umsetzen und erreichen.

 

„Wie soll es nur weitergehen?“, ist dann nicht mehr nur eine sorgenvolle Frage, auf die es keine Antwort gibt. Sie wird zum Ausgangspunkt, tatsächlich einmal verschiedene Szenarien und Optionen mitsamt der Folgerungen zu durchdenken. Wie würde es weitergehen, wenn man eine betriebsbedingte Kündigung oder ein Abfindungsangebot erhalten würde? Was würde man tun, wenn man feststellen müsste, dass der Arbeitgeber einen auf eine andere Weise (z. B. Kaltstellen oder Mobbing) herausdrängen will? Dabei sollte man immer mehr tun, als nur zu „überlegen“, damit sich die Gedanken nicht immer nur im Kreis bewegen. Mindestens: sich in einigen Stichpunkten notieren, wie es weitergehen könnte, was die ersten Schritte dafür wären, was es eventuell dafür bräuchte (z. B. ein bestimmtes Zertifikat, finanziellen Puffer). Das ermutigt auch: Man kann etwas tun.

 

Vorab ausprobieren, was man anstrebt

Im Idealfall probieren Sie schon einmal vorab aus, was Sie als Option für Ihre Zukunft erwägen. Das ist auf vielerlei Weise möglich: in einer nebenberuflichen Selbstständigkeit oder mit einem gelegentlichen Einzelprojekt (z. B. schon mal einen Workshop geben, wenn Sie Dozent oder Trainer werden wollen; hier und da einen Gastbeitrag woanders platzieren, wenn Sie das Mediensegment wechseln wollen). Auch interne Rotationen oder externe Hospitanzen – eventuell statt eines Urlaubs – können die Frage beantworten, ob ein anderes Team oder ein anderer Arbeitgeber tragfähige Zukunftslösungen wären. So bleibt es nicht bei Gedankenspielen („Was wäre, wenn …“), sondern wird gleich konkret.

 

Nie muss man dabei allein und ganz von vorn beginnen, sondern kann immer das Wissen und die Erfahrungen anderer nutzen und sich von ihnen motivieren lassen. Suchen Sie dafür den Kontakt mit denen, die mutig und erfolgreich sind und das, was Ihnen vorschwebt, schon gewagt haben. Dafür eignen sich Branchenveranstaltungen wie der European Publishing Congress (17.–18. Juni 2026 in Wien), Fachmessen und Kongresse auch zu angrenzenden Bereichen wie Kommunikation und PR (z. B. Dmexco im September in Köln, Tekom im November in Stuttgart) oder lokale Stammtische für Journalisten und Gründer. Meiden Sie dagegen unzufriedene Nörgler, die jahrelang klagen, aber nie etwas ändern – von ihnen lernen Sie nichts und werden zudem demotiviert.

 

Viele Journalisten sind von ihrer Arbeit (z. B. Tages- oder Wochenproduktion) her darauf trainiert, situativ und kurzfristig zu entscheiden und zu agieren. So würden viele aus einem Impuls heraus eine Weiterbildung zu einem Trendthema buchen, ohne sich aber viele Gedanken darüber zu machen, was sie mittel- bis langfristig erreichen wollen und ob dieser Kurs dafür zielführend ist. Ein mehrjähriger Karriereplan erfordert ein systematisches Vorgehen, trägt dafür aber weiter. Die Sorge, dass der aktuelle Job wegfallen könnte, verliert ihren Schrecken, wenn man – von sich aus – interessante, vielversprechende Alternativen überlegt und schon einmal vorbereitet. Ist es dann so weit, kann es direkt losgehen.

 

Zur vergangenen Kolumne: Wenn man sich selbst aus dem Blick verliert

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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