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Journalisten wechseln nach rechts: Neue Karrierechancen, alte Tabus

Journalisten wechseln nach rechts: Neue Karrierechancen, alte Tabus Attila Albert

Konservative und rechte Medien gewinnen als Arbeitgeber an Bedeutung. Karrierecoach Attila Albert beobachtet, dass sich politische Überzeugungen und berufliche Möglichkeiten in der Medienbranche verändern.

Berlin – Mit Interesse und durchaus Erstaunen las ich kürzlich vom Wechsel einer Journalistin, die bisher linke, insbesondere migrationsfreundliche Positionen vertreten hatte, ins Berliner Büro der NZZ. Unter dem LinkedIn-Beitrag mit der Personalie fanden sich entsprechend nicht nur positive Kommentare. „Was läuft da schief?“, hieß es da beispielsweise. „Wie kann man für eine, so meine Meinung, AfD-Unterstützer-Postille arbeiten wollen? Noch dazu eine aus der Wahlheimat von Alice Weidel.“ Doch die Zeiten haben sich geändert, das zeigen nicht nur die Wahlergebnisse und -umfragen, sondern auch die Positionierung von Medienprofis.


Schon in der Vergangenheit haben sich einzelne Journalisten für konservative bis rechte Medien als Arbeitgeber entschieden – aus Überzeugung, wegen einer beruflichen Chance (z. B. hierarchischer Aufstieg) oder mangels Alternativen. Mir ist eine ganze Reihe von Journalisten bekannt, einige davon frühere Arbeitskollegen, die diesen Weg gewählt haben und längst unter anderem für die NZZ, Nius oder die Junge Freiheit arbeiten. Mehrere sind einen Schritt weitergegangen und haben Positionen bei der AfD angenommen, politische Ämter oder andere Aufgaben (z. B. Pressesprecher).


Neuer Journalistenkongress mit rechten Medien

Noch vor wenigen Jahren wäre das, was im linken Spektrum immer eine Normalität war, undenkbar gewesen. Doch es scheint kein Tabu mehr zu sein, für ein rechtes Medium zu arbeiten oder sich sogar weitergehend in diesem Bereich zu engagieren (z. B. auch Blog, Podcast oder YouTube-Kanal mit dieser Ausrichtung). Hier denke ich beispielsweise an einen früheren Kollegen, der sich zu einem prominenten Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entwickelt hat, für den er zuvor viele Jahre gearbeitet hatte. Hier spiegeln sich ein politisches und gesellschaftliches Umdenken auf persönlicher Ebene wider.

 

Auch der „Journalistenkongress 2026“ in Zürich ist ein Zeichen für diese Verschiebung. Der neu gegründete Trägerverein nennt als Ziele: „Für einen kritischen, unabhängigen Journalismus“, „überparteilich, unabhängig von politischen Parteien und Regierungen und nach freien, demokratischen Grundsätzen“. Auf der Bühne finden sich nun aber neben Vertretern von Medien links und rechts der Mitte (u.a. Welt, NZZ, ORF, Die Presse, Blick) wie selbstverständlich auch welche, die deutlich rechts stehen. Darunter von: Kronen Zeitung, Weltwoche, Apollo News und Nebelspalter.


Gewissenskonflikte bei Regional- und Lokaljournalisten

Wer als Journalist bisher die Positionen von SPD, Grünen und eventuell sogar der Linken sowie entsprechender Medien für „die Mitte” gehalten hat – siehe beispielhaft die Gästeliste von Re:publica–, sieht sich nun mit einer Korrektur konfrontiert, nach der selbst die CDU links verortet wird. In Berlin, Hamburg und München kann man dem ausweichen, in allen ost- und zunehmend auch in den westdeutschen Flächenländern nicht. Insbesondere Journalisten von Regional- und Lokalmedien (inklusive TV, Radio) fragen sich, wie sie damit umgehen sollen, wenn ihre Ansichten zur Minderheitsmeinung werden.


Dabei ist zu bedenken, dass sich Überzeugungen auch bei Journalisten verändern, obwohl es ihnen manchmal selbst gar nicht sofort bewusst ist. Mancher denkt heute über Einwanderung, die EU und den Euro, die Beziehung zwischen Staat und Bürger (z. B. Staatsquote, Überwachung, Impfpflicht), die Nutzung von Kernkraft, die Unterstützung der Ukraine und Israels u.a. ganz anders als vor zehn Jahren. Da Journalisten allerdings inhaltlich arbeiten, wollen sie irgendwann auch ausdrücken, was sie (heute) denken. Falls das bei ihrem aktuellen Arbeitgeber nicht möglich ist, braucht es einen Wechsel.


Veränderter Arbeitsmarkt in Medien und Kommunikation

Auch Veränderungen des Arbeitsmarktes spielen eine Rolle. Nachdem Neugründungen im Medien- und Kommunikationsbereich (inklusive Agenturen und NGOs) lange mehrheitlich mittig bis links positioniert waren, wächst nun die rechte Seite, von liberal-konservativ bis rechtspopulistisch. Das bedeutet, dass dort neue Stellen entstehen. Vielerorts wurden zudem die Aktivitäten in den Bereichen DEI (Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion) und ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) still und heimlich reduziert oder ganz gestrichen. Auch dadurch verschieben sich Budgets und Stellen nach rechts.

 

Was für den einen eine überfällige Normalisierung ist, das ist für andere ein empörender Tabubruch; der eine empfindet „abtrünnige” Kollegen als endlich gleichgesinnt, der andere als radikalisiert. Der Medienbereich, der sich immer nahe an Politik und Gesellschaft bewegt, vollzieht hier mit einiger Verzögerung die allgemeine Entwicklung nach. Wie man sich dazu positioniert, daran mitwirken und teilhaben will, ist eine ganz persönliche Entscheidung. Auch die Gegenbewegung, die sich als Widerstand gegen den neuen Zeitgeist begreift und bereits aufbaut, ist eine Option mit beruflichen Chancen.

 

Im Karrierecoaching arbeite ich sowohl mit Medienprofis zusammen, die ihren Arbeitgeber als inzwischen zu rechts empfinden (z. B. MDR und bestimmte ostdeutsche Regional- und Lokalzeitungen), die also überzeugt sind, dass er aus Opportunismus klein beigegeben hat – oder umgekehrt als zu links, damit nicht mehr bei den eigenen Lesern, Zuschauern bzw. Nutzern. Nicht immer lässt sich solch eine Einschätzung ganz objektivieren, was aber ein erster Schritt bei der persönlichen Standortbestimmung sein sollte. Die Mehrheit entscheidet am Ende weniger ideologisch als pragmatisch, auch wenn es Ausnahmen gibt.

 

Zur vergangenen Kolumne: Wie Journalisten zusätzliche Einnahmen erzielen können

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

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